Sehen
Erinnerungen an die zweite Hochzeit meines Vaters
1977 heiratete mein Vater
ein zweites Mal.
Er hatte meine Stiefmutter
ein halbes Jahr vorher
kennengelernt.
Das war ja bei Bekannten
bei einer Weihnachtsfeier,
bei der ich auch mit dabei war,
die sich als Kuppler betätigten.
Obwohl meine Stiefmutter,
als sie ihn das erste Mal gesehen hat,
überhaupt nicht von ihm eingenommen war
und behauptete,
dass er schwul wäre,
was aber nicht der Realität entsprach.
Aber ein halbes Jahr später
standen beide schon
vor dem Traualtar.
Es gab eine große Party
vor der Hochzeit,
den Polterabend,
an den ich mich auch noch gut erinnern kann,
weil jeder, der vorbeikam,
Geschirr auf der Straße
vor dem Haus zerschmiss.
Und dort wurde also
das gesamte Porzellan hingeschmissen
und es war ein riesiger Scherbenhaufen,
der den gesamten Fußboden bedeckte.
Und auf dem Hof hatte mein Vater dann Sitzplätze aufgebaut
und es gab auch gleichzeitig
in der Wohnung,
neben unserer Wohnung,
die wir so als Abstellkammer benutzten,
die wurde auch als Partywohnung hergerichtet
mit Kerzen
und Möglichkeiten,
sich hinzusetzen.
Und auch in unserer eigenen Wohnung
konnte man sich hinsetzen
und es waren,
ich würde mal sagen,
bestimmt an die 60, 70, 80 Leute
anwesend.
Mein Vater und meine Stiefmutter
hatten einen großen Bekanntenkreis
und dann wurde gefeiert.
Am Tag drauf, wie gesagt,
am Tag der Hochzeit selbst,
war ich bei der standesamtlichen Trauung
nicht mit dabei,
aber es gibt noch Bilder
von dem Essen danach
im Gastmahl am Schiffbauerdamm
im Apollo.
Ich glaube, so hieß das Restaurant.
Jedenfalls hat es einen griechischen Namen
und ich kann mich noch
an das Menü erinnern,
vor allen Dingen
Schnecken in Quark oder Joghurt.
Und ich fand das widerlich
und würgte es quasi
in mich hinunter,
während alle anderen davon schwärmten,
was das für eine tolle Delikatesse sei.
Und ich empfand das nur
als widerlich
und ekelhaft.
Da zu den Gästen auch Leute
aus West-Berlin zählten,
fuhren wir dann in Taxen,
glaube ich,
irgendwo hin.
Ich glaube, es war zum Essen
oder vielleicht auch anderswohin.
Und ich saß mit meiner Schwester
in einer Taxe
und ein West-Berliner Gast
drückte uns dann
jedem von uns 5 Mark in die Hand,
also 5 West-Mark.
Und es war für mich auch so
ein komischer Augenblick,
denn einerseits war man gierig
nach Westgeld
und andererseits hatte es immer so etwas
von Almosen,
was man eigentlich nicht bekommen möchte.
Es hatte immer etwas
leicht Herablassendes,
ohne dass derjenige es vielleicht so meinte.
Er meinte es bestimmt gut,
aber an einem bestimmten Punkt
merkte man,
dass der eigene Stolz verletzt ist.
Allerdings habe ich natürlich auch
diese 5 Mark dann später
gehütet wie einen Schatz,
in Forumschecks umgetauscht
und lange überlegt,
wofür ich es ausgeben würde.