Sehen
Erinnerungen an ein Blind-Date
Magdalena lernte ich
über das Telefon kennen.
Sie rief bei mir an,
weil sie etwas verkaufen wollte.
Sie hatte seinerzeit
eine kleine Firma,
wo sie telefonisch
Kartenzahlungssysteme vertickte.
Es war noch Ende der Neunzigerjahre,
und das Bezahlen per Karte
war noch nicht überall durchgesetzt.
Sie hatte sich da eine Nische
als Selbstständige etabliert,
mit einem Angestellten,
und telefonierte
alle gastronomischen Einrichtungen
und so weiter ab.
Ich weiß nicht wieso,
aber sie landete bei mir.
Wahrscheinlich hatte ein Kellner
ihr meine Telefonnummer gegeben.
Der Witz war, dass wir in dieses Telefonat
mit ganz unterschiedlichen Erwartungen reingingen.
Sie wollte mir etwas verkaufen
fürs Bezahlen,
und ich ging davon aus,
dass sie mich anruft,
weil ich damals Veranstaltungen
in dem Café organisiert habe.
Nach einer gewissen Weile
haben wir festgestellt,
dass wir komplett
aneinander vorbeigeredet haben.
Ich hatte ihr dann erzählt,
was ich so
mit meinen literarischen Veranstaltungen
vorhabe,
und das erweckte ihr Interesse.
Das Resultat war, dass wir das Gespräch
kurz beendeten
und uns danach privat anriefen –
und uns jeden Tag
sechs bis sieben Stunden
am Telefon unterhielten.
Wir hatten einander nicht gesehen,
aber nach einer Woche
hatten wir das Gefühl,
dass wir unheimlich
miteinander vertraut sind.
Wir hatten unsere sexuellen Erfahrungen
ausgetauscht,
und es schien,
als wären wir erotisch kompatibel
zueinander.
Wir waren, man muss dazu sagen,
mitten in unseren Dreißigern
und hatten schon einiges erlebt.
Wir hatten einige Frustrationen
hinter uns,
und ich denke,
wir waren beide nicht abgeneigt,
etwas Längerfristiges anzufangen.
Sie hatte mir auch gebeichtet,
dass die Männer ihr erotisch und sexuell
nicht ebenbürtig sind.
Ich hatte ihr gebeichtet,
dass ich mehrmals am Tag masturbiere,
weil ich gerade keine Freundin habe.
Wir kamen, wie gesagt,
nach einer Woche dann überein:
Okay,
es wäre vielleicht gar nicht schlecht,
wenn wir uns treffen sollten.
Andererseits hatten wir –
und ich glaube,
ihr ging es nicht anders als mir –
enormen Bammel davor,
zu sehen,
wie der andere in der Realität ist.
Wir hatten also ein klassisches Blind Date,
was allerdings durch die langen Telefonate
schon ein bisschen emotional vorbelastet war.
Wir trafen uns dann
in einem Berliner Restaurant
zum Essen,
und ich atmete auf.
Sie war doch ganz ansprechend,
und ich glaube,
ihr ging es nicht anders mit mir.
Wir haben uns dann sehr gut unterhalten
und sind noch in ein Café gegangen,
um einen Absacker zu trinken.
Da fingen wir dann schon an
zu knutschen,
und es kam,
wie es kommen musste.
Ich landete in ihrem Bett.
Nun, diese ganze Liebschaft
ging ein Vierteljahr,
dann war Schluss.