Sehen

Erinnerungen an ein gesprengtes Haus

Sandro Mohn

In unserer Straße gab es ja ein Haus,
in das meine Schwestern noch gegangen sind,
weil sich da ein kleiner Lebensmittelladen drin befand
und sie die Milch dort noch in Blechkanistern abholten.

Man ging also mit einem Blechkanister hin
und dann wurde die Milch dort hineingefüllt.
Aber in den frühen Siebzigern
wurde das Haus dann gesprengt.

Ich weiß noch, dass wir evakuiert wurden an dem Tag,
als die Sprengung vollzogen wurde.
Ich weiß gar nicht,
warum ich da nicht in der Schule war
oder im Kindergarten.

Jedenfalls, als wir dann wieder in die Straße kamen,
war anstatt des Hauses
nur eine Trümmerwüste aus Steinen dort.

Heute befindet sich an dieser Stelle
ein kleiner Stadtpark
mit ein bisschen Wiese
und ein paar Spielgeräten,
wo Kinder und Hunde rumtoben.

Aber ich finde es schon schade,
dass das Haus gesprengt wurde,
weil es alles denkmalgeschützte alte Häuser
aus dem 18. Jahrhundert waren.

Zu Ostzeiten befand sich dann aber
kein Spielplatz dort,
sondern für lange Zeit ein Baustofflager,
wo Geräte und Baustoffe gelagert wurden.

Und es befand sich auch ein Wohnwagen dort
für Bauarbeiter.
Das war für uns Kinder natürlich
ein idealer Spiel- und Abenteuerplatz.

Und so sind wir oft über die Mauer geklettert
und haben dort geschaut,
was es alles so gibt.

Eines Tages, ich glaube ich war in der ersten
oder in der zweiten Klasse,
kamen wir dann auch auf die Idee,
einmal den Bauwagen aufzubrechen.

Oder ich glaube, er war eventuell sogar nicht verschlossen.
Und wir sind hineingegangen
und haben geschaut,
was es da alles so gibt.

Ich glaube, wir haben auch eine Schublade
mit irgendwelchem Verbandszeug gefunden,
aber ansonsten nichts Wesentliches.

Ich habe mir dabei weiter nichts gedacht
und bin dann wieder zu mir nach Hause gegangen.

Einige Zeit später wurde ich aus dem Unterricht herausgerufen
und ins Lehrerzimmer geführt.

Und dort saßen dann zwei Herren,
die sich als Mitglieder der Kriminalpolizei vorstellten
und von mir eine Aussage haben wollten
bezüglich des Einbruches in diesen Bauwagen.

Ich erzählte dann also alles,
was wir da so gemacht hatten.
Und erst da wurde mir klar,
dass ich also einen Einbruch begangen hatte.

Ich war natürlich sieben oder acht Jahre alt
und als solches noch nicht strafmündig.

Aber ich glaube, mein Vater musste dann wahrscheinlich irgendwo antanzen.

Ich habe mich auch vor ihm versteckt,
dann zu Hause,
nachdem er also davon Kenntnis erlangte.

Und ich habe mich wie immer dann
unter dem Sofa im Wohnzimmer versteckt.

Aber irgendwann musste ich rauskommen
und ich hörte dann ein paar Takte von ihm,
aber es ging irgendwie glimpflich ab.

Ich weiß nicht wieso,
aber nach dem ganzen Stress
mit den Ermittlungsbehörden
löste sich das ganze Problem dann für mich
in Luft auf.

Und ich habe nie wieder etwas davon gehört.

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