Sehen
Erinnerungen an eine Beinahe-Katastrophe bei der Armee
Ich bin in meinem Leben mehrmals fast an einer Katastrophe vorbeigeschrammt und so auch einmal bei der Armee. Ich war ja für eine Zeit lang Waffenkammerfunktionär und dafür zuständig, die Pistolen und Gewehre der Soldaten und Offiziere meiner Kompanie zu verwahren und herauszugeben und sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist. Wir hatten eine Übung auf dem Flugplatz draußen gehabt und rückten alle wieder rein und ich musste als Waffenkammerfunktionär relativ früh rein, um die Waffen entgegenzunehmen. Normalerweise hätte jeder Soldat und jeder Offizier seine eigene Waffe abgeben müssen, aber wie es manchmal so ist, man verhält sich nicht korrekt, sowohl was meine Wenigkeit betrifft als auch die Herren Offiziere. Und so kamen zwei Unteroffiziere, die alle Waffen der Offiziere mitbrachten, also sprich Pistolen, und übergaben mir diese und forderten dann die Waffenkarten heraus. Sie waren selber vom Waffentechnischen Dienst, also das Ganze war so ein bisschen halblegal. Wir nahmen also dann die Pistolen und man muss schauen, dass kein Magazin mehr drin ist, muss die Waffe dann entspannen und normalerweise schaut man erst hinein, prüft, ob ein Magazin drin ist, dann kann man sozusagen die Waffe kontrollieren, ob noch eine Patrone im Lauf steckt und dann entspannt man. Man kann auf zwei verschiedene Arten und Weisen entspannen, einmal indem man sichert und einmal indem man auf den Auslöser drückt. Und wir haben uns zu dritt unterhalten, während wir die Waffen sozusagen untersuchten und ich habe die falsche Reihenfolge gewählt. Ich habe also erst die Waffe durchgeladen und dann schaute ich nach unten, also indem ich die Waffe umdrehte, den Finger immer noch am Abzug und dann sah ich, dass ein Magazin drin steckt. In diesem Augenblick wurde uns allen klar, dass ich jetzt eine geladene Pistole in der Hand hielt, die auch dummerweise noch auf mein Gegenüber gerichtet war. Der zweite Unteroffizier, der neben dem anderen stand, auf den die Waffe gerichtet war, reagierte sehr cool und sagte dann nur, lass die Waffe ganz einfach sinken. Das machte ich auch. Ich war in diesem Augenblick auch wie in Schockstarre, weil ich wusste, wenn ich jetzt den Finger bewege, dann geht ein Schuss los. Wir haben dann die Pistole genommen, ganz normal das Magazin entfernt, die Kugel aus dem Lauf befördert und dann zu Ende gearbeitet. Aber in diesem Augenblick war es fast totenstill in der Waffenkammer und ich glaube, wir haben danach sehr, sehr ordentlich gearbeitet. Am nächsten Tag bin ich in den Urlaub gefahren und als ich dann in einem Auto saß, ich bin per Anhalter vom Armeeobjekt nach Berlin getrampt, weil das die schnellste Variante war. Und ich weiß noch, ich saß dann in einem LKW auf dem Beifahrersitz. LKW-Fahrer haben gerne Soldaten mitgenommen und ich saß auf dem Beifahrersitz und in diesem Augenblick wurde mir klar, wenn ich abgedrückt hätte, würde ich jetzt im Knast sitzen, hätte eine Untersuchung über mich ergehen lassen müssen und würde wahrscheinlich im Armeeknast landen wegen fahrlässiger Körperverletzung. Erst in diesem Augenblick habe ich so wirklich realisiert, dass ich um Haaresbreite mit meinem Unteroffizierskollegen einer Katastrophe entronnen bin.