Sehen

Erinnerungen an eine kleine Todesangst

Sandro Mohn

Ich habe nur ein einziges Mal
in meinem Leben wirkliche Todesangst verspürt.
Über einen längeren Zeitraum.

Ich war schon etwas älter,
aber noch nicht so alt,
dass man an den Schnitter denkt.

Ich ging auf die Toilette
und stellte beim Pinkeln fest,
dass es rostig war.
Es kam rot aus meinem Penis.

Und nicht in einem richtigen Strahl,
sondern abgehackt.
Es kam immer ein bisschen,
dann stockte es.

Ich musste alle paar Minuten
auf Toilette,
nur um wieder ein paar Tropfen herauszubekommen.

Die rostrote Farbe machte mich panisch.

Um Gottes willen, dachte ich,
hast du vielleicht Hodenkrebs?

Oder irgendeine andere Krankheit,
vielleicht schon im Endstadium?

Wer weiß, wie viel Zeit dir noch bleibt.

Ich bin dann zum Krankenhaus gegangen.

Gott sei Dank nicht weit entfernt –
aus dem hinteren Ausgang des Hofes,
wo ich wohnte,
hundert Meter.

Wie es in einer Notaufnahme immer ist:
Man sitzt stundenlang da
und wartet,
dass man aufgerufen wird.

Aber nichts.

Irgendwann kam dann die Schwester.

Ich solle etwas Urin
in einen Becher geben,
das würde sich die Ärztin anschauen.

Beziehungsweise das Labor.

Gut.

Ich ging auf Toilette.

Kam auch ein bisschen.

Ich gab es ab und wartete wieder stundenlang.

Hin und wieder auf Toilette,
um ein paar Tropfen herauszudrücken.

Immer dieses Gefühl:
Man muss auf Toilette,
und dann kommt doch nichts.

Irgendwann, nach Stunden,
kam dann die Ärztin zu mir
und sagte,
dass vermutlich eine Krampfader
in meinem Hoden geplatzt sei
und deshalb mein Urin rot gefärbt wäre.

Das Rostrote seien wahrscheinlich rote Blutkörperchen,
die schon geronnen waren.

Wenn ich in der Klinik bleiben wollte,
müsste sie mir einen Katheter legen.

Darauf hatte ich keine Lust.

Und die Diagnose mit der Krampfader
schien mir doch recht einleuchtend.

Wie sie sagte, wäre das nichts Schlimmes.

Die Ader hätte sich wahrscheinlich schon geschlossen.

Was jetzt noch rauskäme,
wäre sozusagen der Schorf,
der abtransportiert werden muss.

Ich wollte beruhigt nach Hause gehen.

Und dann geschah das große Drama.

Ich befand mich noch im Krankenhaus,
auf dem Weg nach draußen.

Ein riesenlanger Gang,
links und rechts keine Türen.

Und ich musste mit einem Mal
richtig dringend auf Toilette.

Der Weg zurück zur Notaufnahme war zu lang.

Der Weg nach draußen auch.

Ich würde immer schneller
und schaffte es in letzter Sekunde
eine Tür zu finden,
die auf den Hof ging.

Ich riss die Hose auf,
aus meinem Penis schoss ein Pfropfen,
und dann kam ein Schwall Urin raus.

Wahrscheinlich war es dieser Pfropfen,
der meine Harnröhre verstopft hatte.

Das war wohl der Grund dafür,
dass es nur ab und zu ein paar Tropfen gab.

Jedenfalls ergoss sich alles –
aber leider auch ein Teil über meine Hose.

Gott sei Dank war es September
und ich hatte noch eine Jacke.

Die schlang ich dann so um meine Hüfte,
dass man nicht sah,
dass ich mir in die Hose gemacht hatte.

Ich schlich an der Wache
im Eingang des Krankenhauses vorbei
und ging über den Hintereingang
in unseren Hof.

Gott sei Dank hat mich kein Mensch gesehen.

Es war schon spät.

Fast Nacht.

Ich kam zu Hause an
und konnte mich beruhigt,
wenn auch peinlich berührt,
in mein Bett legen.

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