Sehen

Erinnerungen an einen amüsanten Fauxpas

Sandro Mohn

Ich stand wie immer an der warmen Heizung
und hörte Musik.

Das konnte ich,
da ich mir eine Verlängerungsschnur
für meine Kopfhörer besorgt hatte
und quasi durchs ganze Zimmer
mit Kopfhörern gehen konnte.

Bluetooth oder andere kabellose Verbindungen
gab es damals noch nicht.

Es waren schön gepolsterte Teile,
die das ganze Ohr bedeckten
und einen vollkommen von der Außenwelt abschirmten.

Ich stand mit dem Rücken zum Fenster
und gab mich ganz dem Rhythmus hin.

Irgendwann drehte ich mich einmal um
und sah meine Stiefmutter
vom Fenster meiner Großmutter winken
und gestikulieren.

Meine Großmutter wohnte ja
auf der Straße genau gegenüber.

Ich lächelte,
winkte fröhlich zurück
und drehte mich wieder um.

Dann nach ein paar Sekunden
fragte ich mich:
Warum winkt meine Stiefmutter
aus dem Fenster meiner Großmutter mir zu?

Es dauerte noch ein paar Sekunden,
des verwunderten Musikhörens.
Worauf ich dann die Kopfhörer abnahm
und das Fenster aufmachte.

Dann brüllte meine Stiefmutter mir entgegen,
dass ich doch gefälligst den Schlüssel
aus dem Schloss nehmen sollte.

Dazu muss man wissen,
dass ich die Wohnungstür von innen abgeschlossen
und den Schlüssel hatte stecken lassen.

Das Problem zu dem damaligen Zeitpunkt war,
dass wenn ein Schlüssel im Schloss steckte,
man von der anderen Seite
den Schlüssel nicht reinstecken konnte.

Sie war also quasi ausgesperrt.

Sie hatte also an der Tür Sturm geklingelt,
während ich es nicht hörte,
weil ich unter den Kopfhörern war.

Sie wusste sich dann nicht weiter zu helfen,
als zu meiner Großmutter zu gehen
und darauf zu hoffen,
dass ich mich mal umdrehe.

Ich weiß nicht, wie lange sie dort gestanden hat.

Gut, ich habe dann, als ich das hörte,
natürlich die Tür aufgemacht,
sodass meine Stiefmutter rein konnte.

Aber das ist eine Sache,
an die ich mich noch heute belustigt erinnere –
weil mein Verhältnis zu meiner Stiefmutter
war ja nicht sonderlich gut.

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