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Erinnerungen an einen Box-Wettkampf

Sandro Mohn

Durch meinen doch nicht ganz so schlechten Kampf
gegen meinen Sportlehrer hatte ich mir verdient,
am Boxschulvergleich mehrerer Schulen in Berlin teilzunehmen.

Es war ein Montag. Wir hatten montags in der neunten Klasse Sport,
und dieser Schulvergleich war auch an diesem Montagabend.

Mein Sportlehrer sagte:
Du brauchst am Sportunterricht nicht teilnehmen,
sondern du gehst zum Sportausrüster
und besorgst dir Boxbandagen.

So machte ich es auch.
Am Strausberger Platz gab es ein großes Sportkaufhaus.
Dort ging ich hin,
während des Schulunterrichts,
um mir die Boxbandagen zu kaufen.

Auf dem Weg dorthin stellte ich mir schon vor,
wie ich alle aus dem Ring prügeln würde.
Und mit einem Strahlenkranz aufs Siegertreppchen gehoben werde.

Ich war absolut und felsenfest davon überzeugt,
an diesem Abend als großer Box-Champion zu gelten.

Ich holte mir also diese Boxbandagen
und ging dann später zur Sporthalle,
wo der Wettbewerb stattfinden sollte.

Aus meiner Schule waren noch zwei andere Jungen dabei.
Einer aus meiner Klasse
und einer aus der Zehnten,
also über mir.

Ich sah mir die anderen Schüler an.
Mir wurde ein bisschen mulmig.

Vorher mussten wir aber noch zum Wiegen.
Wir wurden in verschiedene Gewichtsklassen eingeteilt.
Sollte ja alles fair zugehen.

In meiner Gewichtsklasse waren wir,
glaube ich,
fünf Personen.

Ich sah meinen ersten Gegner
und bekam es ein bisschen mit der Angst zu tun.

Ich kannte ihn sogar.
In den Ferien hatten wir im selben Hotel
so einen Ferienjob übernommen.

Er war mir also bestens bekannt.
Ich fand ihn auch nicht unsympathisch.

Aber ich sah auf seine Muskeln.
Er hatte einen durchtrainierten Körper.

Ich schaute auf mich selbst
und dachte mir:
Oioioi,
wie soll ich das nur überstehen.

Mein Sportlehrer bemerkte das
und sagte zu mir:
Ach,
der hat nichts auf der Tasche,
der kann gar nicht boxen.
Den haust du weg aus dem Ring.

Nun, es kam,
wie es kommen musste.

Ich stieg in den Ring,
mein Gegner ebenfalls.

Wir schlugen aufeinander ein.
Ich bekam mehrfach was auf die Nase.
Meine Nase fing an zu bluten.

Aber ich kümmerte mich nicht drum.
Es tat irgendwie auch nicht weh.
Nur so ein dumpfer Schmerz.

Irgendwann sah ich,
dass seine Deckung unten war,
und schlug mit meiner rechten Geraden zu.

Die hatte auch schon mein Sportlehrer zu kosten bekommen.

Ich war danach sehr erstaunt.
Plötzlich sagte der Ringrichter Stopp
und bedeutete mir,
in die neutrale Ecke zu gehen.

Während er meinen Gegner anzählte.

Danach ging es weiter,
aber die erste Runde war vorbei.

Wir kämpften ja dreimal eine Minute.
Obwohl eine Minute ganz schön lang sein kann im Boxring.

Dann kam die zweite Runde.
Wieder war es so,
dass ich irgendwann sah,
dass er in der Deckung unten war.

Ich schlug eine rechte Gerade.
Wieder wurde er angezählt.

Das Ganze ähnlich in der dritten Runde.

Allerdings merkte ich dann,
dass seine Deckung oben war.

Ich dachte mir: Na ja,
dann schlägst du einfach auf seinen Brustkorb.

Was ich auch tat. Er zog die Arme runter,
seine Deckung war offen,
und ich schlug zu.

Er wurde zum dritten Mal angezählt.

Damit war der Boxkampf vorbei.
Durch RSC.

Dann kam der zweite Kampf.
Ich hatte einen Freikampf gehabt.

Der zweite Kampf war dann gegen den aus meiner Schule,
der eine Klasse höher war.

Auch da war es so, dass ich in der ersten Runde sein Kinn traf
und er angezählt wurde.

Mein Sportlehrer, der in dem Augenblick uns beide managte,
warf dann das Handtuch für den anderen.

Das heißt, der andere gab quasi auf.

Und ich war nach diesem zweiten Kampf,
auch vorzeitig beendet,
tatsächlich der Sieger in meiner Kategorie.

Mein ehemaliger Judo-Trainer –
ich hatte ja eine Zeit lang Judo trainiert –
kam auf mich zu und sagte:
Hey,
du bist ja richtig gefährlich geworden.

Im Judo war ich glaube ich nicht ganz so gut.
Ich nahm es als Kompliment.

Dann bekam ich als Auszeichnung
einen Kalender mit Tiermotiven.

Den hängte ich zu Hause in meinem Zimmer an die Wand.

Ich freute mich, dass die Vorstellung,
Box-Champion zu sein,
tatsächlich wahr geworden war.

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