Sehen
Erinnerungen an einen Faustschlag
Als Kind habe ich mich natürlich ab und zu prügeln müssen,
obwohl die folgende Geschichte weniger eine Prügelei war,
bei der ich austeilte,
sondern ich wurde sozusagen das Opfer.
Ich habe mich da in diesem Punkt nicht gewehrt.
Und das kam folgendermaßen:
Ich kam mit einem Freund vom örtlichen kleinen Schwimmbad,
das war, glaube ich, im Sommer gewesen,
und wir liefen nach Hause,
schwatzten miteinander,
und dann hielt uns eine kleine Gruppe von drei Kindern an,
wobei der Rädelsführer erkennbar älter war als wir beide.
Er fragte uns:
BFC oder Union?
Dazu muss man wissen,
das waren die zwei Berliner rivalisierenden Fußballclubs,
und es war also sozusagen die Frage,
zu welchem Club man gehörte –
das war eine Standardfrage.
Und ich hatte mich zu dem damaligen Zeitpunkt ja ein bisschen für den BFC entschieden,
das hing aber damit zusammen:
Ich war jetzt kein großer Fan oder hatte keine große Ahnung,
sondern der Sohn von Bekannten war für den BFC,
also hatte ich dafür auch ein bisschen Sympathie entwickelt.
Mehr war nicht dahinter.
Ich antwortete mit BFC,
und ich glaube,
ich hätte auch mit Union antworten können –
das hätte wahrscheinlich keinen großen Unterschied gemacht,
denn der Junge war auf Krawall aus.
Und ich merkte, der will mir ans Leder.
Nun war ich aber damals relativ schnell im Sprinten,
und so entschloss ich mich,
einfach abzuhauen.
Er rannte aber hinterher
und erreichte mich dann auch in der Nähe von meinem Zuhause,
aber ich war halt noch nicht zuhause.
Er verpasste mir einen Kinnschlag,
sodass ich tatsächlich Sterne vor meinen Augen aufblitzen sah
und hinfiel.
Er hat mich dann aufgerappelt
und ist weggegangen.
Mein Schulkamerad kam dann auch zu mir
und hat geguckt,
ob es mir soweit gut ging.
Ging es auch.
Und ich bin dann nach Hause gegangen,
habe geheult,
aber weniger wegen der Schmerzen,
mehr über die Schmach.
Es ging gegen meine Ehre.
Ich habe dann auch nicht lange Zeit später mit Judo angefangen,
aber das ist eine andere Geschichte.
Das Interessante war,
dass ich ihn in meiner Schule dann entdeckte –
dass er zwei oder drei Klassen über mir Schüler war.
Und ich habe dann mit meinem Vater Anzeige erstattet,
und er ist auch tatsächlich vor Gericht gekommen.
Ich war dann als Zeuge mit meinem Schulkameraden geladen.
Wir fuhren zum Gericht,
wir wurden aber tatsächlich gar nicht gehört,
und er wurde dann verurteilt,
irgendwie seine Schule fertig zu machen.
Irgendwelche sozialen Stunden,
weiß ich nicht,
ich habe da keine Ahnung mehr.
Ich weiß nur, dass er seine Schule überhaupt nicht fertig gemacht hat
und irgendwie vorzeitig abgegangen ist.
Aber das hat auch irgendwie niemanden interessiert,
und von daher merkte ich auch,
dass das Rechtssystem in einem bestimmten Punkt auch ein bisschen eine Farce ist,
was die tatsächliche Einhaltung von richterlichen Urteilen angeht.
Aber gut, wir waren damals alle noch Kinder,
und wahrscheinlich wird man das nicht so eng gesehen haben.