Sehen

Erinnerungen an einen Stralsund-Urlaub

Sandro Mohn

Einen Urlaub mit meinem Vater
verbrachte ich in Stralsund.
Ich muss sieben oder acht Jahre alt gewesen sein.
Der Urlaub war auch genau über meinem Geburtstag.

Wir saßen im Restaurant des Hotels,
das sich am Marktplatz befand.
Ich bin Jahre später noch mal dort gewesen,
da gab es dieses Hotel immer noch.

Dort hatte er mir zum Geburtstag
einen kleinen Schnaps spendiert.
Ich glaube, es wird ein Blauer Bols gewesen sein,
oder ein anderer Likör.

Soldaten an einem anderen Tisch
hatten das gesehen
und kamen mit uns ins Gespräch.

Ich erzählte ihnen ganz stolz,
dass ich sechs oder sieben Jahre alt werde
und Geburtstag habe.

Ich freute mich natürlich,
dass mir die Soldaten,
die Ausgang hatten,
gratulierten.

Das Besondere an diesem Restaurant war,
dass man dort gebratene Hähnchen bekam.
Im Osten hieß das Broiler.

Bei mir ist es so, dass ich eine Abneigung gegen Obst und Gemüse habe.
Ich bin ein ausgesprochener Fleischesser.

Mein Vater machte mir also einen Vorschlag.
Ich denke, aus pädagogischer Sicht.

Er versprach mir, dass ich dort jeden Tag
ein halbes Hähnchen essen dürfe.

Ich glaube, er hat es gemacht,
um mich dazu zu bringen,
dass ich irgendwann keine Lust mehr auf Fleisch habe.

Und mich dem Gemüse
und dem Obst öffne.

Ich weiß noch sehr genau,
dass ich vierzehn Tage lang begeistert
jeden Abend ein halbes Hähnchen aß.

Während es meinem Vater schon zum Halse raushing,
konnte ich nicht genug bekommen.

Sein pädagogischer Kniff ist also völlig ins Wasser gefallen.

Bei diesem Urlaub kann ich mich noch an einen Ausflug erinnern.
Von Stralsund fuhr immer ein Tragflächenboot
nach Szczecin rüber.

Eigentlich Stettin,
aber zu DDR-Zeiten nannte man den polnischen Namen
und nicht den deutschen.

Ich weiß nicht wieso.
Vermutlich aus Phantomschmerz
oder aus Scham.
Keine Ahnung.

Jedenfalls: es waren drei Stunden Fahrt
mit dem Tragflächenboot hin,
drei Stunden Aufenthalt
und drei Stunden zurück.

An Stettin kann ich mich nicht mehr großartig erinnern.
Außer an die Fahrt auf dem Tragflächenboot.

Was für mich aber so interessant ist:
Ich ging als Kind wirklich davon aus,
dass dies eine polnische Stadt sei.

Dass diese Stadt eine jahrhundertelange deutsche Geschichte hatte,
und die polnische Übernahme erst dreißig Jahre zurücklag,
habe ich nicht gewusst.

Weil man es uns unterschlagen hat.

Eine Erinnerungskultur wie in Westdeutschland
mit Traditionsverbänden
und Vertriebenen‑Vereinigungen
gab es im Osten nicht.

Zugriffe gesamt: 7