Sehen

Erinnerungen an einen Strandunfall

Sandro Mohn

Jeden Sommer fuhr mein Vater
an die Ostsee.

Er hatte irgendwann eine Familie gefunden,
die sich ein Haus
am Rande von Rostock gebaut hatte.

Die vermieteten dort immer
ein oder zwei Zimmer
an Urlauber.

Am Anfang war er mit mir dort alleine.

Bevor er seine zweite Frau kennenlernte,
also meine Stiefmutter,
und wir dann zu dritt hinfuhren.

Es war also ein Urlaub dort,
noch ohne meine Stiefmutter.

Aber auch nur mit mir im Schlepptau,
legte er sich gerne
an den Ostseestrand
und ließ sich die Sonne
auf den Bauch scheinen.

Ich lag daneben und habe mich meist gelangweilt.

Weil ich irgendwie die Zeit rumkriegen wollte,
kam ich auf die glorreiche Idee,
Sport zu machen.

Eine Art Hochsprung.

Ich baute mir also aus Balken,
die ich am Strand fand,
eine Art Hochsprunggerät
und versuchte dann drüberzuspringen.

Das Problem war: Ich konnte zwar über dieses Teil springen,
es blieb auch stehen,
aber ich fiel in den Sand.

Im Sand muss ein Stein verborgen gewesen sein.
Ein größerer.

Ich fiel mit meinem Körper
in den Sand
und habe meinen Arm dabei so eingequetscht,
dass er vermutlich
gegen den Stein geschlagen ist.

Jedenfalls tat es mörderisch weh.

Ich ging zu meinem Vater
und beschwerte mich,
dass es wehtat.

Mein Arm wurde dann
erst mal ruhiggestellt.

Ich hatte so eine Lederhose
mit Hosenträgern,
und der Arm wurde dazwischen geklemmt.

Aber anstatt direkt
zum Arzt zu fahren,
ist mein Vater
in die Kneipe gegangen.

Er hat mich im Gästehaus alleine ins Bett gelegt
und zurückgelassen.

Ich jammerte dann rum.

Weil es wirklich höllisch wehtat
und ich nicht einschlafen konnte.

Sodass die Gasteltern kamen
und nach mir sahen.

Mein Vater war währenddessen wahrscheinlich
in irgendeiner Gaststätte
auf Brautschau.

Am nächsten Tag sind wir dann zur Klinik gefahren.

Dort wurde mein Arm geröntgt.

Er war angesplittert.

Ich bekam einen Gipsverband.

Mein Vater war sauer,
weil mit meinem vergipsten Arm
der Urlaub so ein bisschen
verdorben worden war.

Wir sind aber trotzdem weiter
an die Ostseestrand gegangen.

Zum Sonnenbaden im Sommer 76.

Für mich war mein eingegipster Arm
auch deshalb bedeutsam,
weil ich dadurch
nicht Geige üben konnte.

Ich hatte ja als Instrument
die Violine
und war nicht der fleißige Schüler,
der auch begeistert
in den Ferien übte.

In Berlin kriegte ich
nach sechs Wochen
den Gips ab.

Konnte aber den Arm
nicht bewegen.

Der Arm war in der Form,
wie er aus dem Gips kam:
angewinkelt.

So blieb er.

Ich musste mühselig versuchen,
den Arm wieder bewegen zu können.

Dazu wurde mir vom Arzt empfohlen,
Wassereimer
oder Eimer mit Kohlen zu tragen.

Und eines Tages machte es einen Knack.

Ich werde das nie vergessen.

Das Gelenk knackte wirklich,
und plötzlich konnte ich den Arm
wieder richtig ausstrecken.

Vorher ging das nur
bis zu einem gewissen Punkt.

Nach diesem Knack stellte ich fest,
dass ich meinen Arm sogar noch
ein Stück weiter bewegen konnte
als vorher.

Dafür konnte ich mit meiner linken Hand
nicht mehr meine linke Schulter berühren.

Das Gelenk bremst seitdem
vorher ab.

Seitdem ist mein Ellenbogen
etwas verdreht.

Und auch nicht ganz so belastbar.

Aber auch eine ewige Erinnerung
an einen Strandurlaub
mit meinem mittlerweile verstorbenen Vater.

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