Sehen
Erinnerungen an Ferienjobs
Ab dem 14. Geburtstag
konnte man im Osten
in den Ferien arbeiten gehen,
was für mich als Teenager
natürlich eine der wenigen Möglichkeiten war,
irgendwie an Geld zu kommen.
Taschengeld bekam ich
nur fünf Mark im Monat,
und ich bin zwar einerseits
damit ausgekommen,
andererseits war es natürlich nicht möglich,
sich irgendwas Tolles zu leisten.
In den Winterferien
konnte man eine Woche arbeiten gehen,
in den Sommerferien drei Wochen.
Unsere Schule war verbandelt
mit dem Hotel Metropol.
Das heißt,
es gab so eine Art Patenschaft
zwischen unserer Schule
und diesem Betrieb,
und von daher konnten wir
relativ einfach dort
in den Ferien arbeiten.
Wir wurden also quasi
über die Schule dorthin vermittelt.
Ich weiß noch,
dass ich mich freute.
Ich kam als Allererstes
in die Rampe,
also das war dort
die Warenanlieferung.
Wir waren zwei Teenager,
die den dortigen Mitarbeiter
unterstützen sollten.
Es schien,
als wäre es doch eine coole Arbeit.
Aber am ersten Tag nach ein paar Stunden
kam jemand aus der Personalabteilung,
und ich wurde ausgetauscht
gegen einen anderen,
der nämlich aus der Topfspüle
in die Warenannahme kam,
weil er sagte,
dass er Geige spielt
und dieses Topfspülwasser
nicht gut für seine Hände wäre.
Ich verfluchte also,
dass ich vor Jahren
mit dem Geigespielen aufgehört hatte.
Von daher hatte ich
nicht dieselbe Ausrede
und wanderte in die Topfspüle.
Interessanterweise ist das
genau die Person,
die ich später beim Boxen dann einmal
im Boxring schlagen sollte.
Aber ich war jetzt also
in die Topfspüle verfrachtet,
und es war ein harter Job.
Die Köche kamen alle angehetzt
zu mir
und wollten irgendwelche Töpfe
sofort ausgewaschen bekommen,
damit sie weiterkochen konnten.
Es gab Töpfe, die für die Köche hochinteressant waren,
und ich musste immer zusehen,
dass diese sofort wieder einsatzbereit waren.
Ab und zu bekam ich dann aber
von den Köchen
ein wunderschönes Eis gemacht,
was eigentlich nur Valuta zahlende Gäste bekamen.
Das Restaurant, für dessen Topfspüle ich zuständig war,
war nämlich das Restaurant,
wo man mit Devisen bezahlen musste.
Im Hotel Metropol übernachtete
nicht wirklich der DDR-Bürger,
sondern eher Westdeutsche,
die billig übernachten wollten
und trotzdem einen gehobenen Standard erwarteten.
Dafür waren die Osthotels
sozusagen konzipiert.
Und dann geschah noch etwas anderes.
Es gab nämlich neben der Topfspüle
noch eine Geschirrspüle,
und ich merkte irgendwann,
dass ich öfter mal
zur Geschirrspüle ging,
um irgendwelche Sachen dorthin zu transportieren.
Ich wusste eigentlich gar nicht,
wieso ich dort permanent aufkreuzte,
bis ich irgendwann begriff,
dass dort ein Mädchen
in dem Spülbereich arbeitete.
Sie hatte sozusagen
die Teller und Tassen und Gabeln
zu bearbeiten.
Das war so ein großes Laufband,
wo sie die Sachen einsortierte
und die dort automatisch gewaschen wurden,
während ich mich um die profanen Töpfe
und so weiter kümmern musste.
Dieses Mädchen hatte aber
lange Haare
und einen bezaubernden Mund
und ein Lächeln.
Irgendwann hatte ich begriffen,
dass ich mich in dieses Mädchen
verknallt hatte.
Ich habe dann auch später
nach ihrer Adresse gefragt,
und ich war fasziniert davon,
dass sie mir diese Adresse
auch gegeben hat.
Ich habe mir überlegt,
ob ich sie einmal besuchen gehe.
Sogar auf der Straße
war ich schon,
aber ich habe es sein lassen
und bin wieder umgekehrt
und nach Hause gelaufen.
Feige war ich einfach.
Ich war in sie verknallt,
und ich glaube,
sie hat es auch mitbekommen.
Ich glaube, ich hätte auch Chancen bei ihr gehabt,
allein ich war zu schüchtern.
Das Komische ist: Ich war nicht schüchtern genug,
nach der Adresse zu fragen,
aber es in die Tat umzusetzen –
dafür hat mir dann doch der Mut gefehlt.
Aber man möge es mir verzeihen,
ich war erst fünfzehn Jahre alt.