Sehen

Erinnerungen an Frau Behm

Sandro Mohn

In der Parterrewohnung
im Haus nebenan
wohnte Frau Behm.

Frau Behm war im ganzen Kiez bekannt,
weil sie sich
gesellschaftlich engagierte
und sich auch
um andere Leute kümmerte.

Gleichzeitig war sie aber
bei uns Kindern verrufen,
weil es irgendwie merkwürdig roch,
wenn wir in den Hausflur gingen
und vor der Tür
von Frau Behm standen.

Wir haben uns immer überlegt,
was das für ein Geruch ist,
und unterstellt,
dass Frau Behm Ungeziefer hat,
speziell Flöhe.

Kein Mensch von uns wusste,
ob sie tatsächlich Flöhe hat,
kein Mensch hat von ihr je
Flöhe übertragen bekommen,
aber sie stand in dem Verdacht,
eine flohbehaftete Frau zu sein.

Es war etwas Skurriles,
und keiner weiß,
woher dieses Gerücht entstammte,
aber es war halt da.

Gleichzeitig, wie gesagt,
besuchte sie auch meine Großmutter
und unterhielt sich mit ihr.

Aber ich war auch immer
etwas skeptisch
und auf Abstand bedacht.

Sie hatte unheimlich viele Warzen
im Gesicht
und erinnerte irgendwie
an eine Hexe
aus einem Märchenfilm,
was natürlich vollkommen ungerecht gewesen ist.

Sie schlurfte immer
über die Straße
in ihren Klamotten
und hatte irgendwelche Filzpantoffeln
dabei an.

Das war auch immer etwas skurril
und merkwürdig,
aber so war sie halt.

Mein Vater nannte sie immer
„Frau Behmsen",
und meine Großmutter sagte dann einmal,
dass es ihr peinlich war,
als sie Frau Behm
zum allerersten Mal traf.

Sie hatte ja schon durch meinen Vater
von ihr gehört,
und dann sagte sie:
„Ach, Sie sind Frau Behmsen?"

Und Frau Behm sagte dann:
„Nein, nein, ich heiße Behm."

Das war meiner Großmutter
wahrscheinlich peinlich,
dass sie sie
mit einem falschen Namen
angesprochen hatte.

Aber sie hat ihr das
nicht übel genommen.

Irgendwann hat dann Frau Behm
ihr sogar das Du angeboten,
das war aber erst Jahre später.

Und das war in der Wohnung meiner Großmutter.

Ich kann mich noch daran erinnern,
wie Frau Behm
in einem großen Korbsessel saß,
den meine Großmutter hatte
und der vor dem Wohnzimmerofen stand.

Dort hatte sie sich dann reingesetzt,
während ich
am Esstisch meiner Großmutter saß
und die Hausaufgaben machte.

Da kam es dann zur großen Verbrüderung der beiden,
man bot sich das Du an
und hat sich dann
mit den Vornamen angesprochen.

Ich weiß gar nicht mehr,
wie Frau Behm
mit Vornamen hieß.

Das ist mir absolut entfallen.

Aber das Gesicht habe ich
immer noch
vor meinem geistigen Auge,
und auch dieser merkwürdige Geruch
im Hausflur –
den werde ich
mein Lebtag nicht vergessen.

Obwohl ich auch nicht sagen kann,
was das eigentlich
für ein Geruch war.

Es war einfach ungewöhnlich.

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