Sehen
Erinnerungen an Frau Dörner
Eine der ersten Personen,
an die ich mich
in meinem Leben erinnern kann,
ist meine Nachbarin
Frau Dörner gewesen.
Wobei meine Nachbarin
natürlich ein bisschen komisch klingt,
wenn man noch
ein oder zwei Jahre alt ist.
Ungefähr so alt
muss ich aber gewesen sein,
denn ich kann mich daran erinnern,
dass Frau Dörner
mit mir im Kinderwagen
an der Spree entlangspazierte.
Genau gegenüber von der Museumsinsel,
und wir haben die vorbeifahrenden Schiffe
winkend begrüßt.
Da ich in keine Kinderkrippe ging
und meine Mutter in der Oper arbeiten musste,
war Frau Dörner
das, was man heute
eine Babysitterin nennen würde.
Ich sehe noch vor meinem geistigen Auge,
dass ich bei ihr dann
Bohnensuppe aß.
Es war eine kleine Wohnung
im Seitenflügel,
nicht mehr als 25 Quadratmeter,
ein kleines Zimmer.
In diesem standen
ein Bett,
ein Schrank –
mit ein paar Postkarten
in die Schranktür geklemmt –
ein Tisch,
an dem sie saß
und viele Zigaretten
Marke Semper rauchte,
während sie
Kreuzworträtsel löste.
Und als Luxusgut
besaß sie ein kleines Radio,
das sie ab und an anschaltete,
um ein wenig Kontakt
zur Welt zu haben.
Und dann gab es
eine klitzekleine Küche
mit einer Spüle
und gerade mal noch Platz
für einen Ofen
und für einen Kühlschrank,
in den man Eisblöcke
zum Kühlen steckte.
Mehr war nicht
in dieser Wohnung,
und auf dem Treppenflur draußen
ging man auf Toilette.
Frau Dörner stand oft
am Fenster
und schaute auf den Hof
und vertrieb die Jungen,
die dort hinkamen,
weil es auf unserem Hof
einen Wasserhahn gab,
den man öffnen konnte,
um sich zu erfrischen.
Nichts war ihr so verhasst
wie fremde Kinder,
die einfach auf unseren Hof kamen
und aus dem Wasserhahn tranken.
Da sie auf dem einen Auge
kaum mehr etwas sah,
stand sie immer hinter der Gardine
und verdrehte ihren Kopf
auf die eine Seite
und beäugte alles und jeden
kritisch.
Einmal hat sie auch
einen Topf mit Wasser
auf die Kinder gegossen,
die dann schreiend wegrannten.
Oft stand sie auch
auf der Straße
vor unserem großen Tor aus Holz.
Meist um zu rauchen
und einen kleinen Schwatz zu halten.
Meinen Schwestern erklärte sie dann oft,
wie man mit einem Handgriff
zudringliche Jungs abwehrt.
Das war ihr ein großes Bedürfnis,
auch wenn man sie nicht unbedingt
eine Feministin nennen konnte,
so war sie doch eine Frau,
die sechs Wochen verheiratet war
und sich voller Entsetzen
von ihrem Mann hat scheiden lassen.
Seitdem hatte sie nie wieder
eine Beziehung
und in ihrer kleinen Wohnung
allein ihr Dasein gefristet.
Was für ein Jammer.
Was für ein trauriges Leben.
Was sie beruflich gearbeitet hat,
kann ich nicht sagen,
aber meine Schwester sagte mir einmal,
dass sie eventuell bei der Post
als Briefträgerin gearbeitet hat.
Frau Dörner hat mich begleitet,
bis ich zehn oder zwölf Jahre alt war.
Und dann eines Tages,
ich kam aus dem Winterurlaub,
es war einer der ganz schrecklichen
und ganz kalten Winter.
Da sagte mir meine Großmutter,
dass Frau Dörner gestorben sei.
Mein Vater hatte sie
tot auf dem Klo gefunden.
Ich weiß nicht,
ob sie vor Kälte erfroren
oder an einem Herzinfarkt verstorben ist.