Sehen
Erinnerungen an Frau Gundermann
Gegenüber von meinem Zimmer,
auf der anderen Straßenseite,
wohnte eine attraktive Frau.
Frau Gundermann.
Schwarze, kurz geschnittene Haare,
sehr gepflegt, eine leicht dominante Erscheinung.
So ein bisschen Betty Page
vom Typ, aber ohne das Verruchte,
trotz einer sexuellen Ausstrahlung.
Das habe ich aber erst später kapiert.
Ich vermute, dass sie
mit meinem Vater etwas gehabt haben muss.
Denn wir sind einmal zu dritt
über Pfingsten weggefahren, und das war,
bevor er meine Stiefmutter kennenlernte.
Schon ungewöhnlich, wenn man
mit einer Nachbarin und dem eignen Sohn
wegfährt.
Ich war wohl eher das Alibi.
Rein platonisch?
Kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen.
Aber es ist nichts aus ihnen geworden.
Kurze Zeit später heiratete sie nach Thüringen
und zog zu ihrem Mann.
Ihre Wohnung in Berlin behielt sie aber.
Das Interessante ist, dass sie
am Rande von Berlin
noch ein Grundstück besaß.
Im Sommer 1978 lud sie mich ein,
dort die letzte Ferienwoche
mit ihrem Stiefsohn zu verbringen.
Ich weiß das deshalb so genau,
weil genau zu dieser Zeit
Sigmund Jähn als erster Deutscher ins All flog.
Später war ich noch einmal dort.
Da war ich knapp siebzehn,
hatte gerade die Schule beendet.
Genau in der Prüfungszeit
war mein Vater gestorben.
Sie kam nach Berlin, alleine,
ohne Sohn, ohne Mann,
und fragte, ob ich nicht Lust hätte,
für ein paar Tage mit ihr
aufs Grundstück zu kommen.
Um auf andere Gedanken zu kommen.
Was ich auch tat.
Beim Federballspielen auf der Wiese
hinter dem Haus fragte sie mich,
ob ich denn schon eine Freundin hätte.
Das war mir peinlich.
Unangenehm.
Heute denke ich aber,
dass das der Versuch dieser reifen Frau war,
mich ins Bett zu bekommen.
Wahrscheinlich hätte ich da Chancen gehabt.
Heute frage ich mich,
ob es nicht spannend gewesen wäre.
Meinen sexuellen Horizont erweitern,
mit einer Frau,
die mindestens fünfundzwanzig Jahre älter war als ich.
Eine Frau, die man heute wohl
eine MILF nennen würde.
Aber damals war mir das zu peinlich.
Vor allem, weil ich mir vorstellte:
Was, wenn man zu früh kommt?
Wenn man die Leistung nicht bringt?
Als Teenager ist man da sehr empfindlich.
So war das eben – ein Spannungsfeld zwischen Sehnsucht und Ängstlichkeit.
Ich war zwar stark an Sex interessiert,
aber auch gehemmt und schüchtern.
Aber in meiner Phantasie habe ich es später oft
mit ihr dort getrieben.