Sehen

Erinnerungen an Frau Lehmann

Sandro Mohn

Nach dem Tod meiner Mutter
und bevor er meine Stiefmutter heiratete,
war mein Vater natürlich auf Brautschau
und versuchte,
irgendwelche Frauen kennenzulernen.

Was nicht sehr einfach ist,
wenn man alleinerziehender Vater ist.

Er lernte dann eine Lehrerin
aus meiner Schule kennen.
Frau Lehmann.

Eine hübsche Frau, lange Haare.

Sie hatte auch eine Tochter.

Das wusste ich, weil wir einmal zu Frau Lehmann eingeladen waren,
mein Vater und ich.

Dort lernte ich die Tochter kennen.

Ich vermute, man wollte schauen,
ob wir Kinder uns vertragen.

Ich kann mich nicht erinnern,
dass es bei diesem einen Mal
ein großes Problem gab.

Ich kann mich auch erinnern,
dass Frau Lehmann einmal
bei uns zu Hause saß
und versuchte,
ein aufklärerisches Gespräch
über Sex zu führen.

Was mich zu diesem Zeitpunkt
nicht großartig interessierte.

Ich glaube, ich werde so acht Jahre alt gewesen sein.

Erste oder zweite Klasse.

Mein Vater ließ mich auch
den Postillon d’Amour spielen.

Er schmierte Brote für Frau Lehmann
und schrieb Briefe,
die er mir mit dem Auftrag mitgab,
sie Frau Lehmann zu geben.

Sie unterrichtete an unserer Schule
eine andere Klasse,
ich glaube es war die Parallelklasse.

Irgendwann sprach mich Frau Lehmann an
und fragte,
ob ich nicht bei meinem Vater
ein gutes Wort für sie einlegen könnte.

Ich sagte dann zu Hause zu meinem Vater,
dass Frau Lehmann mich angesprochen hat.

Und er sagte kategorisch nein.

Er möchte keinen Kontakt mehr.

Das war mir extrem peinlich.

Weil ich ihr das dann sagen sollte.

Ich traf sie dann in der Schule wieder
und sagte ihr,
dass mein Vater keinen weiteren Kontakt möchte.

Mir war es komplett unangenehm,
dass diese beiden ihre Kommunikation
über mich abwickelten.

Ich habe Frau Lehmann daraufhin gemieden,
so sehr es ging.

Weil ich nicht in diese komische Rolle
hineinkommen wollte.

Auch sie hat mich gemieden.

Ich glaube, sie hat gemerkt,
dass mir das nicht ganz angenehm war.

Ich habe nie erfahren,
was das Problem zwischen beiden war.

Ob sie fremdgegangen ist
oder ob sie irgendetwas gesagt hat,
was meinem Vater gegen den Strich ging.

Ich kann es nicht sagen.

Ich weiß nur, dass dieses Techtelmechtel
von einem Tag auf den anderen beendet war.

Und mich in die Bredouille gebracht hat.

Allerdings gab es etwas anderes,
was für mich sehr interessant war.

Ich hatte registriert:
Derjenige,
der Schluss macht,
ist derjenige,
der weniger gearscht ist.

Frau Lehmann war diejenige,
die meinem Vater hinterherlief.

Das war eine Erkenntnis,
die ich mir gemerkt hatte.

Insofern war diese Episode,
so unangenehm sie war,
auch sehr lehrreich.

Zugriffe gesamt: 23