Sehen
Erinnerungen an frühe Augenblicke mit meiner Großmutter
Wann ich meine Großmutter
zum allerersten Mal gesehen habe,
kann ich gar nicht mehr sagen.
Ich war drei Jahre alt,
als sie zu uns nach Berlin zog,
weil meine Mutter erkrankt war
und meine Großmutter meinen Vater
in der Erziehung von uns Kindern
unterstützen wollte.
Wir waren ja drei Kinder:
zwei Töchter meiner Mutter
aus erster Ehe
und ich mit meinem leiblichen Vater
und meiner Mutter.
Sodass wir eine kinderreiche Familie waren
und mein Vater mit einem Sohn
und zwei nicht leiblichen Töchtern
ein bisschen überfordert gewesen ist.
Darum, wie gesagt, kam meine Großmutter nach Berlin.
Sie wohnte dann auf der Straßenseite gegenüber.
Meine ersten Erinnerungen sind die,
dass ich auf der Schulter meiner Großmutter ritt,
vor dem Mittagessen am Wochenende.
Ich legte meinen Kopf
auf den Kopf meiner Großmutter,
ein Kissen drunter,
und dann hörte ich immer
den Yorkschen Marsch,
während sie durch das Wohnzimmer schritt.
Eine andere Erinnerung ist die,
dass meine Großmutter zum Essen kam.
Sie war eigentlich eine bürgerliche Frau
und als solche hatte sie sich auch geschminkt.
Sie kam also mit rot geschminkten Lippen an,
und ich fand das als Kind so schrecklich,
dass ich aufschrie wie am Spieß
und von meiner Großmutter verlangte,
dass sie den Lippenstift abmachen soll.
Sie hat es auch getan.
Und sie hat seitdem nie wieder Lippenstift getragen,
ihr ganzes Leben lang.
Ich habe es ihr also vermiest.
Aber man möge es mir nachsehen,
ich werde da drei oder vier Jahre alt gewesen sein.
Die dritte witzige Erinnerung ist die,
dass wir Weihnachten feierten
und plötzlich klingelte es an der Tür.
Ich war zu diesem Zeitpunkt auch noch sehr, sehr klein,
Kindergartenalter.
Es kam der Weihnachtsmann zu uns ins Haus,
der dann einen Sack abstellte
und sich vorstellte
und mich fragte,
ob ich denn brav gewesen sei.
Ich bemusterte den Weihnachtsmann
von oben bis unten skeptisch,
und dann entdeckte ich,
dass der Weihnachtsmann
die Stiefel meiner Großmutter anhatte.
In diesem Augenblick war mir klar:
Der Weihnachtsmann ist nicht der Weihnachtsmann,
sondern nur meine Großmutter.
Ich gab also meine Erkenntnis allen preis,
worauf sich alle köstlich amüsierten.
Meine Großmutter war natürlich ein bisschen enttäuscht,
dass man sie so leicht durchschaut hatte.
Wir feierten aber trotzdem
ein schönes Weihnachtsfest.