Sehen
Erinnerungen an frühe Emotionen
Ich hatte ja schon erzählt,
dass meine Schwester gerne versucht hat,
mich zu erziehen,
indem sie mir Fernsehverbot erteilte
oder eine Ohrfeige runterhaute.
Aber sie hat mich auch gelehrt.
Ich kann mich daran erinnern,
dass ich in meinem Laufgitter stand,
in dem ich laufen konnte
und umfallen,
ohne dass mir irgendetwas geschah –
man kennt das ja bei kleinen Kindern.
Meine Schwester setzte sich davor,
steckte etwas Papier in ihren Mund,
kaute daran rum
und spuckte es dann aus,
so ein bisschen in meine Richtung.
Ich habe mich köstlich darüber amüsiert.
Ich habe dann immer später gesagt,
dass meine Schwester mir das Lachen beigebracht hat,
weil ich so herzhaft darüber gelacht habe,
dass ich mich bis heute daran erinnern kann.
Aber es gibt noch etwas anderes.
Meine Schwester hatte mir eine Geschichte erzählt,
die mich stark beeindruckt
und tief getroffen
und große Emotionen in mir hervorgerufen hat.
Sie hatte mir eines Tages erzählt,
dass es einen Mann gab,
der sehr arm war
und immer fror.
Er hat dann, um sich einen neuen Mantel zu kaufen,
ein Buch kopiert,
mühsam bei Kerzenlicht.
Tag für Tag hat er eine Seite kopiert,
sodass er danach ein neues Buch hatte,
das er verkaufen konnte.
Von dem Geld kaufte er sich dann
einen warmen Wintermantel.
Aber schon in der ersten Nacht
haben Räuber ihm den Mantel gestohlen.
Er saß dann wieder da,
hat gefroren
und war allein
und verzweifelt.
Diese Geschichte hat in mir
unheimliches Mitleid mit dem Mann ausgelöst.
Ich habe mir vorgestellt,
wie das wohl sein mag,
wenn man etwas geschaffen hat
und kurz darauf kommen welche
und nehmen es einem weg
und zerstören es.
Ich habe zu diesem Zeitpunkt
noch nicht daran gedacht,
ob man dem Mann vielleicht hätte beistehen können.
Das kam erst viel, viel später.
In diesem Augenblick waren erst mal
die Emotionen des Mitfühlens wichtig.
Später habe ich erfahren,
dass die Geschichte,
die sie mir erzählt hat,
im Prinzip „Der Mantel" von Gogol war.
Wahrscheinlich hat man das in der Schule
zu diesem Zeitpunkt durchgenommen.
Es ist wahrscheinlich eine sehr einfache
und archaische Geschichte,
die aber unglaubliche Emotionen freisetzt.
Diese Geschichte hat mein ganzes Leben geprägt,
auch meine Einstellung zu gewissen Dingen.
Ich finde es widerlich,
wenn man bestohlen wird.
Vor allen Dingen, wenn die Existenz davon abhängt.
Das ist etwas, womit ich mich bis heute nicht abfinden kann.
Und ich bin meiner Schwester dankbar,
dass sie mir das alles beigebracht hat.