Sehen
Erinnerungen an Harald und eine seiner Freundinnen
Eines Tages
stand mein Freund Harald
vor meiner Tür
und präsentierte mir
seine neue Freundin.
Man muss dazu sagen,
Harald kam aus Wismar
und hatte sich aber jetzt
in Berlin einquartiert
und wohnte gar nicht mal so weit
von mir entfernt.
Ich glaube im Friedrichshain
oder im Prenzlauer Berg,
aber beschwören kann ich das nicht mehr.
Das war jedenfalls
frühe 90er Jahre,
vielleicht 92
oder ein ähnlicher Zeitraum.
Ich weiß nur,
er stand vor meiner Tür,
hatte geklingelt,
ich machte auf
und sah ihn.
Harald, wie gesagt,
war ein guter Freund von mir
und seine neue Freundin —
muss man dazu sagen —
die neben ihm stand.
Ich schaute ihr in die Augen
und ich wusste sofort,
die Frau möchte mit dir vögeln.
Das klingt ein bisschen merkwürdig,
dass eine Frau,
die einen zum allerersten Mal sieht,
in ihren Augen diesen Wunsch hat.
Aber ich wusste es.
Problem war natürlich,
er war ein guter Freund von mir
und ich wollte so etwas eigentlich nicht.
Aber wie es auch kam,
ich hatte dann irgendwie
ihre Telefonnummer
oder sonstige Kontaktmöglichkeit.
Wobei mir das heute
auch ein bisschen rätselhaft erscheint,
wie ich da Kontakt aufgenommen habe,
weil es damals kein WhatsApp
und keine E-Mail
und keine SMS gab.
Ich muss also bei ihr angerufen haben
und wir haben uns dann
in Treptow zum Billardspielen verabredet.
Das heißt nur seine Freundin
und ich.
Wo mein Freund Harald
zu diesem Zeitpunkt war,
kann ich nicht sagen.
Ich weiß nur,
dass wir gespielt haben,
es war aber tagsüber,
und dann landeten wir
bei ihr zu Hause
und schließlich in ihrem Bett
und vögelten rum.
Ich muss sagen,
ich hatte irgendwo ein schlechtes Gewissen.
Allerdings hatte es
auch doch einigen Spaß gemacht.
Sie war auch keine dumme Frau.
Sie hatte Klavier gespielt
und wollte irgendwie Pianistin werden.
Hatte auch einen sehr schönen Körper,
muss ich sagen.
Und dann war aber etwas,
was mich zum damaligen Zeitpunkt
etwas überforderte.
Ich glaube, heute wäre ich da ganz anders.
Sie sah den Gürtel in meiner Jeans
und fragte,
ob er dazu da sei,
dass man damit den Hintern versohlt.
Heute weiß ich natürlich,
dass sie ein bisschen devot eingestellt war
wahrscheinlich
und es ganz gerne gehabt hätte,
dass ich diesen Gürtel rausziehe
und auf ihren Hintern klatschen lasse.
Aber damals war ich
für solche Spielereien
noch viel zu verklemmt
und verängstigt.
Nach dem Motto,
man schlägt doch keine Frau.
Dass es Frauen gibt,
die so etwas durchaus ganz gerne haben,
kam mir damals
noch nicht in den Sinn.
BDSM war damals
noch nicht weit verbreitet
und angesagt.
Ich habe sie dann auch noch einmal besucht
bei Harald in der Wohnung.
Also es war eine Party
und Harald war auch anwesend.
Wir haben uns nichts anmerken lassen
und ich weiß nicht,
ob er jemals etwas geahnt hat
oder davon erfahren hat.
Aber es ist so eine zwiespältige Sache.
Man schämt sich
und gleichzeitig ist es aber auch okay.