Sehen

Erinnerungen an Kinderkrankheiten

Sandro Mohn

Wie alle anständigen Kinder
war auch ich ab und zu krank,
wenn auch nicht so häufig.
Aber wenn,
dann ging meine Großmutter
mit mir zu der Ärztin unseres Vertrauens,
zur Hausärztin Frau Dr. Möwe.

Frau Dr. Möwe war eine russische Frau,
die einen deutschen Mann geheiratet hatte
und aus der Sowjetunion in die DDR gekommen war.
Sie sprach also immer
mit einem stark russischen Akzent,
war aber eine angenehme Ärztin.

Sie war Allgemeinmedizinerin,
keine spezielle Kinderärztin,
aber sie hat sozusagen
unsere ganze Familie betreut.

Dort bekam ich dann
die Sachen verschrieben,
die ich brauchte,
wenn ich krank war.

Weil ich zum Beispiel
die Windpocken bekam.

Allerdings gab es ein paar Mal Erkrankungen,
wo wir nicht bei Frau Dr. Möwe waren.

Einmal musste der Hausarzt
zu uns nach Hause kommen.
Ich weiß nicht,
ob es das Wochenende war.

Ich war noch sehr klein
und lag im Bett bei meinem Vater,
während meine Großmutter sich darum kümmerte
und den Arzt anrief,
der zu uns nach Hause kam.

Dieser Arzt war ein Schwarzer.
Das war der erste Schwarze,
den ich gesehen habe,
und er muss wirklich
aus Schwarzafrika gekommen sein –
wahrscheinlich ein Arzt,
der hier studiert hatte.

Ich war völlig fasziniert
und schaute ihn an.

Ich weiß noch, dass ich dann zum Fiebermessen
das Fieberthermometer
in meinen Hintern geschoben bekam
und ich dann noch irgendwie
ein Zäpfchen verschrieben bekam.

Ich muss wahrscheinlich
vier oder fünf Jahre alt gewesen sein.

Das war für mich ein prägendes Erlebnis,
weil ich so etwas
noch nicht kannte.

Das andere Mal war,
als meine Schwestern mich
im Monbijou-Park,
also im Monbijou-Bad,
ins Wasser geschmissen hatten
und ich wahrscheinlich Wasser
in die Ohren bekommen haben muss.

Jedenfalls habe ich kurze Zeit später
höllische Ohrenschmerzen bekommen.

Ich weiß noch, dass dieser Schmerz
wirklich unerträglich war.
Ich konnte kaum schlafen.

Dann ist man mit mir
zur Unfallstation gegangen,
glaube ich.

Jedenfalls war das eine größere Arztpraxis,
und dort habe ich Antibiotika verschrieben bekommen,
und zwar in Form von Spritzen,
die man mir in den Hintern gab.

Die erste Spritze hatte noch geklappt.

Vierzehn Tage später,
oder eine Woche später,
sollte ich die zweite Spritze bekommen.

Jetzt wusste ich ja,
was auf mich zukommt,
und ich habe den Hintern so zugekniffen,
dass die Ärztin mit der Spritze
nicht hineingekommen ist.

Trotzdem hat das Mittel gewirkt,
und die Ohrenschmerzen
haben aufgehört.

Was ich mich jetzt noch daran erinnere,
ist, dass wir für dieses Medikament
zuzahlen mussten.

Das war im Osten eigentlich ungewöhnlich,
weil dort das extra Bezahlen von Medikamenten
nicht vorgesehen war.

Aber gut, es kann sein,
dass dieses Antibiotikum
ein spezielles gewesen ist.

Ich weiß es nicht mehr.

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