Sehen
Erinnerungen an Lagerplätze
In unserem Kiez gab es drei Sammelstellen für Altstoffe.
Zwei davon gehörten Flaschenmüller,
einer Firma mit zwei Plätzen an sich kreuzenden Straßen.
Der dritte Platz gehörte zwei Brüdern.
Einer davon war der Stiefvater eines meiner Schulkameraden.
Wir Kinder aus der Klasse hatten die Brüder immer im Verdacht,
dass sie uns beschissen,
wenn wir Papier und Flaschen hinbrachten.
Es war nie ganz klar, wie das berechnet wurde.
Man sah nur, wie er im Kopf rechnete.
Wenn er uns dann die Summe nannte –
eine Mark fünfzig zum Beispiel –,
gingen wir in das Häuschen auf dem Platz,
wo sein Bruder im Warmen saß
und einen Schwatz mit irgendjemand hielt.
Der zahlte einem dann das Geld aus
und wandte sich wieder seinem Gesprächspartner zu.
Flaschenmüller war anders.
Er besaß die beiden anderen Lagerplätze,
einer davon lag direkt neben unserem Hof.
Am Wochenende, wenn niemand da war,
konnte ich über die Mauer klettern
und mir ansehen, was es dort alles gab.
Da waren irgendwelche Sachen abgestellt,
es war wohl so etwas wie die Hauptzentrale.
Es gab den Rest eines Hauses,
das im Zweiten Weltkrieg nicht weggebombt worden war.
Dort muss er residiert haben.
Dass Flaschenmüller reich war,
konnte man daran erkennen,
dass er einen Volvo fuhr.
Auf seinem Nummernschild prangte
I BM und eine Zahlenkombination.
I stand für Berlin
und wir haben das IBM immer
mit „Ich bin Millionär“ übersetzt.
Uns war natürlich klar, dass das Quatsch war,
aber Kinder sind eben so.
Der andere Platz war viel interessanter.
Auf diesem haben wir Kinder öfter gespielt.
Dort gab es eine Menge Holzkästen,
in denen die Flaschen gesammelt wurden.
Und natürlich auch leere Holzkisten.
Aus den gestapelten Holzkästen
haben wir einzelne herausgezogen
und so Gänge gebaut, in die wir hineinkriechen konnten.
Dann saß man in einem Berg aus Holzkästen.
Die Sonne schien durch,
man konnte etwas sehen.
Aber man war vor Blicken geschützt.
Wir haben dort viel Zeit verbracht.
Vor allem waren wir geschützt vor den Blicken der Alten.
Die guckten immer aus dem Fenster
und beobachteten, was wir Kinder trieben.
Wenn sie der Meinung waren,
dass wir etwas Böses taten,
wurde heruntergerufen:
„Wir rufen gleich die Polizei!“
Wobei uns klar war,
dass sie die Polizei gar nicht rufen konnten.
Telefone waren zu dieser Zeit eine Seltenheit.
Niemand von uns glaubte,
dass eine der alten Omas und Opas,
die aus dem Fenster schauten,
über ein Telefon verfügte.
Heute existieren diese Sammelstellen nicht mehr.
Das waren ausgebombte Häuser,
die zu Lagerplätzen umfunktioniert worden waren.
Weil man keine Ressourcen hatte,
um dort wieder Häuser zu bauen.
Das geschah erst nach 1990.
Wenn man heute die Straße langgeht,
sieht man keine Lücken mehr.
Nur neue Häuser,
in denen irgendwelche Galerien
oder ausgefallene Boutiquen residieren.