Sehen
Erinnerungen an Marina
Marina lernte ich auf einer Party in Rostock kennen.
Nach zwei Stunden haben wir rumgeknutscht.
Dann gestand sie mir, dass sie gerade eine Abtreibung hinter sich hat
und darum noch keinen Sex will.
Sie wollte erst die Pille nehmen,
und vorher müssten wir,
wenn wir miteinander ficken,
mit Kondom ficken.
Kondom war nicht so meine Welle.
Es war nach der Maueröffnung,
zwischen Weihnachten und Silvester,
da wo ich sie kennenlernte.
Kurze Zeit später traf ich sie in Rostock wieder
und besuchte sie dort.
Sie wohnte in einem kleinen Studentenwohnheim.
Man könnte auch sagen,
es war ein Wohnklo mit Kochnische.
Es passte wirklich nur ein Bett hinein,
ein kleiner Schreibtisch,
und das war es schon.
Dann gab es eine kleine Ecke zum Kochen,
ein Bad mit Dusche
und Platz für eine Waschmaschine.
Mehr war in diesen vier Wänden nicht zu finden.
Sie hatte mir dann gesagt,
dass sie nach Berlin kommen wolle,
und mich gefragt,
ob ich mir vorstellen könnte,
dass sie bei mir einzieht.
Ich sagte, ich habe damit kein Problem.
Wir vögelten das Wochenende durch.
Ich weiß gar nicht,
ob mit Kondom oder ohne.
Jedenfalls fuhr ich nach Hause
mit der Gewissheit,
dass sie eine Woche später
bei mir in Berlin antanzen wird.
Tatsächlich stand sie dann vor meiner Tür
und war somit die erste Frau meines Lebens,
mit der ich für längere Zeit
Bett und Tisch teilte.
Sie war also sozusagen kein One-Night-Stand mehr,
was ich vorher immer hatte,
sondern die erste feste Freundin –
wenn man das so nennen darf,
wenn jemand bei einem einzieht.
Schon nach kurzer Zeit war es aber so,
dass sie mir irgendwie auf den Geist ging.
Auf den Geist, das ist vielleicht gar nicht mal so das richtige Wort,
aber wenn wir miteinander gefickt haben,
dann stank sie einfach aus dem Mund.
Sie hatte mörderisch schlechten Atem,
und ich traute mir irgendwie nicht,
ihr das zu sagen.
Sie hatte zwar einerseits Spaß am Sex,
aber andererseits waren Lecken oder Blasen nicht drin.
Es war nur klassisch:
Sie reitet auf mir herum,
und das war's.
Gut, ich war für den Anfang zufrieden.
Zum allerersten Mal regelmäßiger Geschlechtsverkehr.
Aber irgendwie machte mir die Beziehung Angst.
Ich weiß noch, dass ich auf Arbeit rumlief
und mich fragte,
ob ich mit dieser Frau jetzt den Rest meines Lebens verbringen soll.
Ich war 22, war gerade von der Armee wiedergekommen.
Man hatte mit Beziehungsdingen noch überhaupt gar keine Erfahrung,
und von daher hatte ich wirklich Angst,
dass ich hier in einer Beziehung hängenbleibe,
die ich irgendwie nicht richtig will.
Eine kurze Zeit später ist sie mit einem Freund von mir nach Frankreich getrampt.
Als sie wiederkam, fand ich einen Zettel in meiner Wohnung vor –
nachdem ich von der Arbeit gekommen war –,
dass sie auf der Fahrt nach Frankreich festgestellt hat,
dass es mit meinem Freund vielleicht besser ist zusammen zu sein.
Ich machte in diesem Augenblick drei Luftsprünge
und sagte:
Ja, ich bin wieder frei!
Als sie vor meiner Tür stand,
mit ein bisschen schlechtem Gewissen wahrscheinlich,
weil sie dachte,
dass ich ihr eine Szene mache,
war sie völlig verblüfft,
dass ich locker und cool war,
die ganzen Sachen von ihr rausrückte
und ihr keinerlei Szene machte.
Sie wusste ja nicht,
dass ich im Geiste eigentlich schon mit dieser Beziehung abgeschlossen hatte
und mein Freund mir die Arbeit des Schlussmachens eigentlich abgenommen hatte.
Ich habe sie noch ein paar Mal wiedergesehen.
Mit meinem Freund ist sie auch nicht lange zusammengeblieben,
und irgendwie ist sie dann aus meinem Leben verschwunden.