Sehen

Erinnerungen an Martha

Sandro Mohn

Martha hatte rote gelockte Haare,
und ich lernte sie in meiner Lieblingskneipe
in der Oranienburger Straße kennen.

Sie war die Bekannte einer guten Freundin von mir.
Wir hatten uns dort zusammen in der Kneipe getroffen,
und die Freunde hatten sie mit angeschleppt.

Ich wollte natürlich bei ihr landen,
aber Martha blockte erst mal ab
und war also keine,
die sofort ins Bett zu kriegen war.

Wenngleich ich nie ein richtiger Freund wurde –
es war eher,
ich würde sagen,
Freundschaft plus.

Es war eine Beziehung
von gelegentlichen Treffen
mit vorherigem Schwatzen am Küchentisch
und Diskutieren über Gott und die Welt
und anschließendem ordentlichem Ficken
in ihrem Bett.

Ich glaube, ich habe sie ausschließlich bei ihr zu Hause besucht
und dort gevögelt.
Sie war nie bei mir zu Hause.

Sie war sexuell aufgeschlossen,
sie hat auch gerne Analverkehr gemacht.

Aber es gab das, was ihr widerstrebte.
Das nannte sie „hacken"
– das heißt,
ein schnelles Durchvögeln
war ihr zuwider.

Sie wollte es langsam
und in sanften Schüben.
Dann kam sie auch gewaltig.

Und dann gab es das nächste Problem:
Wenn sie gekommen war
und man selbst noch nicht,
dann machte ihr das nichts aus,
dass man dann aufzuhören hatte.

Mit anderen Worten:
ein Weitervögeln,
bis man selbst gekommen war,
das war für sie nicht angesagt.

Es reichte ihr auch aus,
einmal Sex zu haben am Abend.
Sie war da genügsam.

Einen zweiten oder dritten Orgasmus?
Nö, lehnte sie ab.
Einmal ist genug.

Und wenn sie gekommen war,
dann war die Sache auch erledigt.

Zum Glück bin ich auch öfter mal gekommen,
sodass ich nicht jedes Mal
auf meinen Orgasmus verzichten musste.

Was eigentlich auch kein Problem gewesen wäre,
aber die Massivität,
mit der das erklärt wurde,
dass ich mich damit abzufinden habe,
hat mich doch ein bisschen irritiert
und mächtig genervt.

Ich glaube auch, dass das letzte Mal,
dass wir gevögelt haben,
dadurch kam,
dass ich ihr etwas Unsensibles sagte –
allerdings war es auch die Wahrheit.

Dass vor dem Sex ich auf sie geil war
und nach dem Sex irgendwie mir die Verbindung
zwischen ihr und mir fehlte.

Ich glaube, das war ein bisschen starker Tobak,
so etwas zu sagen.

Und soweit ich mich erinnere,
haben wir uns danach auch nie wieder gesehen.

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