Sehen
Erinnerungen an mein erstes Fahrrad
Es gab im Osten zwei Fahrradmarken,
soweit ich mich erinnere.
Einmal Mifa und einmal Diamant-Fahrrad.
Zu Diamant-Fahrrädern gab es im Osten auch den Spruch:
Diamant, Diamant,
wird im Ausland Schrott genannt!
Das war also eine nicht gerade schöne Selbsteinschätzung
über die eigene Fahrradindustrie.
Nichtsdestotrotz bekam ich ein Diamant-Fahrrad,
ich vermute mal zum Geburtstag geschenkt.
Ich kann es nicht mehr genau sagen.
Jedenfalls präsentierte mir mein Vater irgendwann ein Fahrrad
und zwar ein Klapprad.
Wieso ausgerechnet ein Klapprad
kann ich auch nicht sagen.
Ich hatte mir auch gar kein Fahrrad gewünscht.
Es war einfach da, er präsentierte es mir
und sagte,
dass ich damit fahren kann.
Klappräder haben ein bisschen das Problem,
dass sie sehr kleine Räder haben
und man also doch ganz schön strampeln muss.
Aber ich bin damit durchaus in meiner Gegend rumgefahren
mit dem Fahrrad
und es hat seinen Spaß gemacht.
Manchmal habe ich geflucht,
weil sich das Fahrrad dann halt so lockerte,
dass es sich fast beim Fahren automatisch einklappte.
Aber das war nur manchmal.
Und ein großer Trend,
dem ich aber nicht folgen konnte,
weil ich es nicht bekam,
war zum damaligen Zeitpunkt,
hinten am Gepäckträger dann eine riesige Antenne
mit einem Fuchsschwanz zu befestigen,
der dann sozusagen in der Luft herumwippte.
Ich konnte mein Fahrrad auch nicht mit anderen Sachen aufrüsten.
Es gab so extra Hupen,
aber ich glaube,
ich habe mir besorgt einen Spiegel,
damit ich ein bisschen sehen kann,
was hinter mir geschieht,
was, denke ich mal,
doch verkehrstechnisch ganz sinnvoll gewesen ist.
Ich habe mit dem Fahrrad auch einmal jemanden verfolgt.
Ich weiß nicht wieso.
Ich kam einfach auf die Idee,
einem Autofahrer,
der in meinem Kiez reinfuhr,
zu folgen.
Ich bin dem einfach die ganze Zeit hinterher gefahren.
Der hat es mitbekommen
und mich irgendwann zur Rede gestellt,
was das soll,
dass ich einfach immer hinter ihm herfahre.
Ich habe dann so getan,
als wüsste ich nicht.
Und das Ganze wäre alles nur ein Zufall.
Aber natürlich habe ich es gemacht.
Aber es war einfach nur ein Schabernack von mir.
Und ich habe einmal dann auch eine richtig große Tour
mit dem Klapprad gemacht.
Und ich bin auch richtig stolz darauf,
denn die anderen hatten ganz normale, große Fahrräder
mit 28 oder 26 Zoll.
Und wir sind mit dem Fahrrad gefahren
nach Eberswalde zum Schiffshebewerk.
Das sind also rund 70 Kilometer,
die ich wirklich mit meinem Klapprad geschafft habe.
Teilweise mit Wettrennen zwischendurch.
Und ich habe da ganz gut mithalten können.
Aber dann hat mir der Arsch wehgetan
und ich bin von Eberswalde dann mit dem Zug zurückgefahren.
Gott sei Dank hatte ich so viel Geld in der Tasche,
dass ich mir also die Fahrkarte für mich
und mein Fahrrad leisten konnte.
Ansonsten hätte ich ziemlich alt ausgesehen.
Ich kam dann auch erst abends an,
war kaputt,
aber glücklich.