Sehen
Erinnerungen an mein erstes Rockkonzert
Mein erstes Rockkonzert hatte ich
im August 1981.
Ich war gerade vierzehn Jahre alt geworden.
Die Karte für das Konzert hatte mir
der Freund meiner Schwester
zum Geburtstag geschenkt.
Es waren die Puhdys.
Ich stand ja auf härtere Musik,
also war ich sehr erfreut.
Er hatte mir auch erzählt,
was wahrscheinlich die Setlist
an dem Abend sein würde.
Welche Titel gespielt werden,
welches der Opener wäre
und so weiter.
Ich fuhr nach Strausberg oder Erkner,
jedenfalls am Rand von Berlin.
Dort war in einem kleinen Freilufttheater
das Konzert.
Und was ich nicht wusste:
Im Prinzip waren die Puhdys dann erst
mein zweites Konzert.
Es trat eine Vorband auf.
Eine lokale Berliner Band,
die die Puhdys gefeaturt hatten.
Die hatten gerade einen Sommerhit gelandet
und traten jetzt als Vorband auf.
Das Konzert selbst war wunderbar.
Schön hartrockig, so wie ich es mochte.
Auch wenn ich ein bisschen traurig war,
dass sie keine Rock'n'Roll-Titel gespielt hatten.
Die hatten ja eine Platte
mit gecoverten Rock'n'Roll-Titeln gemacht.
Davon kam kein einziger.
Dafür gaben sie ein paar neue Lieder
zum Besten,
die erst ein Jahr später
auf Platte erscheinen sollten.
Ich freute mich auch ein bisschen,
dass die Setlist ganz anders war,
als der Experte – sprich mein Fast-Schwager,
er sollte später tatsächlich mein Schwager werden –
vorausgesagt hatte.
Beglückt ging ich nach Hause.
Angefüllt mit Freiheit,
mit Rock'n'Roll.
Ich war im Herzen froh.
Was ich nicht wusste,
und das war dann ein riesengroßer Schock für mich:
Das Konzert hatte gegen 20 Uhr angefangen,
war um 22 Uhr vorbei.
Das Ganze spielte sich am Rand von Berlin ab.
Ich kam also gegen 23 Uhr
bei mir im Kiez an
und ging vom S-Bahnhof
zu mir nach Hause.
An der Straßenecke zur Hauptstraße
stand im Dunkeln,
unter einer Laterne,
meine Großmutter.
Mit einem Schal um das Gesicht gewunden,
damit sie nicht friert.
Obwohl es August war.
Nun gut, vielleicht war es nachts nicht mehr ganz so warm.
Jedenfalls stand sie da,
wartete ungeduldig
und trat von einem Bein auf das andere.
Als sie mich sah, wie ich in die Straße einbog,
fiel ihr ein Stein vom Herzen.
Sie empfing mich.
Und in diesem Augenblick
waren sämtliche Rock'n'Roll-Gefühle weg.
Ich verfluchte den Augenblick
und dachte mir:
Mein Gott, warum habe ich nicht den anderen Weg genommen?
Ich hätte es meiner Großmutter
in diesem Augenblick gegönnt,
dass ich schon zu Hause im Bettchen liege
und sie vergeblich draußen wartet.
So dramatisch und traumatisch war für mich
in diesem Augenblick das Abgeholtwerden
von meiner Großmutter.
Die sich natürlich wahnsinnige Sorgen machte,
weil ich ja noch keinen Ausweis besaß.
Und schon wilde Razzien von der Polizei
in ihrem Geiste vor sich hatte.
Ich kann es natürlich nachvollziehen,
dass eine Großmutter besorgt ist.
Aber mit einem Rock'n'Roll-Lebensgefühl
hatte das nichts mehr zu tun.