Sehen

Erinnerungen an mein Kinderzimmer

Sandro Mohn

Mein Kinderzimmer habe ich
am Anfang mit meinen Schwestern geteilt,
die allerdings auszogen,
als ich so zehn, elf Jahre alt war.

Das Schöne an meinem Zimmer war
unter anderem,
dass ich,
als mein Bett noch an der Außenwand stand,
bequem abends lesen konnte –
was ich eigentlich nicht durfte.

Ich sollte ja schlafen,
und ich war zu diesem Zeitpunkt
schon eine Leseratte.

Das Interessante war:
An der Häuserwand,
genau zwischen den beiden Fenstern meines Zimmers,
war eine Straßenlaterne angeschraubt.

Ihr Licht fiel so durch das Fenster
in mein Zimmer auf mein Bett,
dass ich an der einen Ecke
vom Kopfende bequem in einem Buch lesen konnte,
ohne mir die Augen zu verderben.

Gleichzeitig hatte ich nicht großartig Angst,
erwischt zu werden.

Wenn jemand die Tür aufgemacht hätte,
wäre das Buch sofort unter der Decke verschwunden.

Eine Taschenlampe brauchte ich nicht.

Ich brauchte das Buch nur schnell zur Seite schieben
und unter das Kopfkissen,
und schon hätte man mich nicht entdeckt.

Kurze Zeit später ging das aber nicht mehr,
weil meine Stiefmutter bei uns einzog
und mein Zimmer renoviert wurde.

Da, wo vorher mein Bett gestanden hatte,
wurde mir die Schrankwand meiner Stiefmutter
ins Zimmer gestellt,
die sie von ihrer Mutter bekommen hatte.

Die Wohnung meiner Stiefmutter wurde aufgelöst,
dort zog meine eine Schwester ein.

Und die teure Schrankwand –
das war zu Ostzeiten auch so ein Statussymbol
für gewisse Kreise,
nicht für meine,
muss ich dazu sagen –
wurde dann mir ins Zimmer gestellt.

Ich habe diese Schrankwand
immer verflucht und gehasst,
weil es so ein erdrückender brauner Klopper war.

Ich hatte immer das Gefühl,
sie würde umkippen
und mich erschlagen.

Man hat dann auch irgendwann
eine teure Standuhr – ein Erbstück -
in mein Zimmer gestellt,
die ich irgendwann angehalten habe,
weil das Glockenspiel so laut gewesen ist,
dass es einen aus dem Schlaf gerissen hat.

Meine Stiefmutter stellte dann irgendwie noch
eine Nähmaschine in mein Zimmer,
an der meine angeheiratete Großmutter,
also die Mutter meiner Stiefmutter,
dort dann,
wenn sie in Berlin zu Besuch war,
ab und zu etwas nähte.

Das war noch so eine Nähmaschine,
die nicht elektrisch funktionierte,
sondern wo man mit dem Fuß,
mit der Wippe,
die Nähmaschine betrieb.

Ich hatte dann irgendwann das Gefühl,
als wäre ich eine Abstellkammer.

Das wirft auch irgendwo ein bisschen Licht
auf das Verhältnis,
das ich mit meiner Stiefmutter hatte.

Ich fühlte mich irgendwo fremd
in der eigenen Wohnung.

Obwohl ich sagen muss,
dass ich es wahrscheinlich komfortabler
als viele andere Berliner Kinder gehabt habe.

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