Sehen

Erinnerungen an meine abgebrannte Zeit

Sandro Mohn

In der Mollstraße
befand sich ja mein Ausbildungsbetrieb
und neben dem großen Gebäude,
in dem die gesamte Verwaltung meines Betriebes saß,
befand sich ein kleiner zweistöckiger Anbau
und darin war das Rechenzentrum untergebracht,
in dem ich arbeitete.

Im Stockwerk unter uns
war noch ein anderes Rechenzentrum,
aber das war das Rechenzentrum der Planungskommission,
während wir ja das Rechenzentrum
der statistischen Behörde der DDR waren.

Also unten wurden die Pläne erstellt
und oben wurden sozusagen die Pläne ausgewertet
beziehungsweise geprüft.

Ich habe zu dem damaligen Zeitpunkt nicht gewusst,
dass dieses Gebäude für mich
noch einmal relevant werden sollte
und zwar rund zehn Jahre später,
als ich Mitte der 90er Jahre komplett abgebrannt war
und ich Sozialhilfe beantragen musste.

Die Sozialhilfe war,
und das war für mich dann hochinteressant,
genau in dem Gebäude untergebracht,
wo mein Rechenzentrum war.

Allerdings unten im Parterre,
das heißt da, wo die staatliche Plankommission
einst ihr Rechenzentrum hatte,
befand sich dann die Sozialhilfeeinrichtung
mit den ganzen Mitarbeitern
und mit dem Wartebereich
und so weiter.

Ich war dann also zum allerersten Mal
eben in der unteren Etage,
weil zu DDR-Zeiten war es strikt verboten,
in den anderen Bereich jeweils reinzugehen.

Das waren alles Sicherheitsbereiche,
wir kamen auch in die Rechnerräume selbst
nur mit einem Code rein
und so weiter.

Und die DDR war in diesem Punkt also ziemlich neurotisch.

Ich grinste also innerlich,
als ich dort im Wartebereich saß
und ich grinste noch mehr,
als ich dann den Namen meiner Sachbearbeiterin erfuhr,
Frau Mößenbauer,
weil er doch recht sexuelle Assoziationen
bei einem auslöst.

Aber gut, niemand kann was für seinen Namen
und manchmal gibt es eben auch Namen,
die kurios sind.

Ich habe dann aber auch
von meiner Sachbearbeiterin
meine nächste Arbeitsstelle bekommen,
weil sie mich dann fragte,
was ich dann eigentlich mache.

Und ich hatte ihr gesagt,
ja, ich sehe mich eigentlich als Künstler,
als Autor,
der Gedichte schreibt
und andere Texte.

Und daraufhin sagte sie,
oh, wir haben ein Programm
und stellte mir dann einen Berliner Kunstverein vor,
der staatlich gefördert wird
und gerade die nächste Runde an Arbeitsplätzen hat,
wo man für anderthalb Jahre
einen richtigen Arbeitsvertrag hat
und dann nach dem Tarif des öffentlichen Dienstes
bezahlt wird.

Das war ein Vorschlag,
der mir sehr entgegenkam
und ich nahm den Vorschlag an
und bewarb mich dann bei diesem Kunstverein,
bei dem ich dann auch genommen wurde.

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