Sehen

Erinnerungen an meine berufliche Desorientierung

Sandro Mohn

In den 90er Jahren war ich,
bis auf den Anfang,
als ich für kurze Zeit
ein Unternehmen gegründet hatte,
das einige Zeit Geld abwarf,
bevor es zusammenbrach,
chronisch in Geldnot.

Und ich war nicht nur in Geldnot,
sondern ich war auch desorientiert darüber,
was ich eigentlich beruflich machen sollte.

Ich wusste irgendwie,
dass ich nicht für jemand anderes arbeiten kann.
Das war für mich eine große Hemmschwelle,
mich irgendwo zu bewerben.
Zumal ich auch nicht wusste,
was.

Ich hatte zwar, und das ist vielleicht das Merkwürdige,
ich hatte in meiner Lehre ja Programmieren gelernt,
war aber der Meinung,
dass nachdem ich von der Armee wiederkam,
die Programmierung mir im Endeffekt technologisch davon gelaufen wäre.

Und ich machte auch nicht die Anstalten,
Kurse zu besuchen
oder mich in diesem Bereich weiterzubilden.

Ich hatte eine riesige Hemmschwelle
und Angst davor —
ich weiß eigentlich nicht,
woher diese kam.

Ich hätte problemlos
an der Volkshochschule
mir einen Computerkurs zur Programmierung belegen können,
was mich heute auch wundert,
weil ich durchaus an der Volkshochschule Kurse belegt hatte,
Fremdsprachenkurse zum Beispiel.

Ich weiß nicht, wieso ich diese Chance vertan habe,
denn im Endeffekt Programmierer
waren zu dieser Zeit händeringend gesucht,
und ich war im Endeffekt nicht dumm.

Ich habe mir meinen Computer selbstständig erweitert,
ein neues Motherboard gekauft
und aufgerüstet.

Also ich war durchaus versiert
im Umgang mit Computern,
und ich hatte auch meinen eigenen Computer zu Hause.

Und ich war auch in einzelnen Projekten dann engagiert,
wo ich mit Computern layoutete
und dieses und jenes an Anwendungen machte.

Viele hatten ja Respekt,
überhaupt mit Computern zu arbeiten,
aber ich habe diese Möglichkeit nicht wirklich verfolgt.

Stattdessen habe ich in der Badewanne gelegen
und habe gegrübelt,
wie ich zu Geld komme.

Ich habe überlegt, ob ich mit dem Roulette-Spielen mein Geld verdienen kann
und andere irre Ideen.

Und ich war deprimiert,
weil ich wusste,
ich war nicht faul.

Ich war deprimiert,
weil ich wusste,
ich kann etwas
und ich habe auch eine Bestimmung,
aber allein für die Sachen,
für die ich Ideen hatte,
hätte ich sehr viel Geld gebraucht,
Geld,
was ich nicht auftreiben konnte.

Und ich war im Endeffekt wie paralysiert,
vielleicht auch ein bisschen depressiv eingestimmt darüber,
dass mein erstes Unternehmen pleite gegangen ist.

Und so habe ich mehr oder weniger die 90er durchlebt,
ziellos
und frustriert darüber,
dass ich ziellos bin.

Vielleicht kann es jemand nachvollziehen.

Mit dem heutigen Wissen
und mit der heutigen Einstellung
würde ich die 90er ganz anders gestalten.

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