Sehen
Erinnerungen an meine Brille
Ich weiß nicht,
wie es kam.
Eigentlich dachte ich immer,
ich hätte gute Augen gehabt.
Dann sprach mich mein Klassenlehrer an,
warum ich immer die Augen zukneife,
wenn ich an die Tafel schaue.
In diesem Augenblick ist mir bewusst geworden,
dass das stimmte –
dass ich,
wenn der Lehrer etwas an die Tafel schrieb,
immer die Augen zusammenkniff,
um es deutlich lesen zu können.
Gut, daraufhin bin ich mit meinem Vater
zum Augenarzt.
Es war eine schreckliche Prozedur,
weil mir wurde irgendwas
in die Augen reingeträufelt.
Ich bin, was die Augen betrifft,
eine sehr empfindliche Person.
Die Ärztin sagte mitfühlend zu mir –
ich kann mich an diesen Satz
noch sehr genau erinnern:
„Jawohl,
das ist so,
als wenn man sich die Hände abschrauben will."
Damit hatte sie den Nagel
auf den Kopf getroffen.
Es wurde festgestellt,
dass ich kurzsichtig bin.
Ich sollte also eine Brille bekommen.
Mein Vater, der selber Brillenträger war,
ging mit mir zum Optiker,
und ich suchte mir eine Nickelbrille aus,
à la John Lennon.
Ich kann mich noch daran erinnern,
dass er zu dem Zeitpunkt gestorben war
und sein Bild in allen Zeitungen war.
Von daher konnte ich mich
an diese ikonische Nickelbrille
von John Lennon gut erinnern.
Ich sagte dann auch irgendwann zu meinem Vater,
dass ich mich freue,
dass ich die Brille bekomme.
Er sagte: „Nein,
du freust dich nicht."
Ich sagte: „Doch,
ich freu mich."
Und er, fast schon zornig:
„Nein,
du freust dich nicht."
Ich glaube, es hatte wirklich damit etwas zu tun:
Mein Vater hatte sehr schlechte Augen,
zwölf Dioptrien,
das waren fast Flaschenböden.
Er war trotzdem auch eine sehr eitle Person,
und er konnte trotzdem gut aussehen,
weil er sich speziell angefertigte Brillengläser besorgt hatte,
sodass es wirklich nicht wie ein Flaschenboden aussah,
sondern wie normale Brillen.
Ich habe ihn einmal ohne seine Brille erlebt,
und er sah dann immer hilflos aus wie ein Hase.
Jedenfalls habe ich durch diese Intervention meines Vaters
die Brille tatsächlich nicht sehr oft getragen,
was nicht unbedingt im Sinne des Erfinders war.
Aber seine Eitelkeit hat sich ein bisschen auf mich übertragen,
und ich trage bis heute keine Brille,
obwohl sich die Augen etwas verschlechtert haben.
Kontaktlinsen kann ich auch nicht tragen,
das fällt mir unwahrscheinlich schwer,
mir etwas ins Auge reinzustecken.
Aber gut, so ist das Leben.
Ich habe, wie gesagt,
eine Brille.
Aber die ruht zu neunundneunzig Prozent
in ihrem Etui.