Sehen

Erinnerungen an meine erste Katze

Sandro Mohn

In meinem Leben habe ich sechs Katzen besessen.
Davon eine weibliche Katze und fünf Kater.

Aber bleiben wir bei der Katze.
Sie war von den sechs, die erste in meinem Leben und hieß Jule.
Sie ist quasi meinem Vater zugelaufen,
der ganz entsetzlich traurig darüber war,
dass meine Stiefmutter diese Katze überhaupt nicht im Haus haben wollte.

Mehr oder weniger hatte er es dann aber doch geschafft,
dass Jule bei uns einzog.

Am Anfang war sie noch eine Freigängerkatze,
die auch immer auf den Hof runtergehen konnte und dort spielte,
aber sie kam zuverlässig zu uns hoch.

Eines Tages war sie aber verschwunden.
Für lange Zeit war sie nicht da,
und dann kam sie plötzlich irgendwann wieder.

Sie war sehr zerschunden und kaputt,
und dann haben wir sie gepflegt.

Sie hatte in dieser Zeit einen fürchterlichen Befall von Flöhen bekommen.

Immer wenn ich ins Bad ging,
musste ich durch das elterliche Schlafzimmer hindurch,
und dort war scheinbar die Brutstätte.

Kaum war ich im Bad,
waren an meinen Beinen jeweils fünf, sechs Flöhe,
die ich dann mühsam von meinen Beinen runternahm und zerquetschte.

Und kaum war ich in meinem Zimmer zurück,
musste ich wieder durch das Schlafzimmer durch,
und wieder hatte ich fünf oder sechs Flöhe an meinem Bein,
die ich dann mühsam von meinen Beinen runternahm
und mit einem Lineal auf meinem Schreibtisch zerknacken musste.

Meine Stiefmutter war entsetzt,
als sie davon hörte,
und hat täglich mit einem Reinigungsmittel,
ich glaube Wofasept,
den Fußboden gescheuert.

Dann haben wir auch irgendwann entdeckt,
dass hinter dem Schrank,
auf dem die Katze lag und ihre Krankheit auskurierte,
das ganze Fell mit den Nissen war.

Damit hatten wir die Brutstätte entdeckt,
und wir konnten mit Ruhe wieder ganz normal leben.

Dann hat sie noch einmal Kinder bekommen.

Davon wurden leider fünf zum Tierarzt gebracht –
wahrscheinlich um sie umzubringen.

Eine Katze durfte sie behalten,
weil eine bekannte Familie von uns eine Katze haben wollte.

Das Kätzchen, Schneckchen genannt,
blieb am Leben und wuchs bei uns auf,
bis sie so alt war,
dass sie mitkommen konnte.

Das sind dann sogar sieben Katzen.

Ich hatte mich an die Kleine gewöhnt
und war traurig,
als sie weggegeben wurde.

Danach wurde Jule eine Stubenkatze.

Wir haben sie nicht wieder runtergelassen,
zum einen damit sie nicht wieder schwanger wird,
zum anderen damit sie sich nicht irgendwelche Krankheiten einfängt.

Wir wussten ja auch nicht,
was mit ihr geschehen war,
dass sie so verwundet und derangiert wiederkam
nach diesem einen Mal,
als sie verschwunden war.

Meine Stiefmutter war dann ganz froh,
nachdem mein Vater gestorben war,
dass sie noch die Katze hatte,
die sie an ihn erinnerte.

Die Katze ist dann aber an Diabetes gestorben,
als ich zur Armee musste
und sie mit meiner Stiefmutter ganz alleine war.

Ich glaube, sie hat es nicht verkraftet,
dass zwei wichtige Personen aus der Familie nicht mehr da waren.

Als ich eines Tages auf Urlaub war,
sagte meine Großmutter,
dass sie eingeschläfert wurde,
weil der Tierarzt gesagt hatte,
dass sie Diabetes hat
und es keine Möglichkeit gibt,
sie irgendwie sinnvoll am Leben zu erhalten.

Das war das Leben meiner ersten Katze,
die ich sehr mochte
und die mir immer auch die Haare abgeschleckt hat.

Eine schwarz-weiß gefleckte Katze
mit einem süßen Näschen,
zur Hälfte schwarz,
zur Hälfte rosa.

Und eine sehr mutige Katze.

Sie ist die einzige Katze,
die ich kenne,
die den Staubsauger bekämpft hat.

Alle anderen Kater hauen vor einem Staubsauger immer ab,
aber sie war sehr mutig,
hat dem Staubsauger eine Ohrfeige gegeben,
ist dann kurz nach hinten gesprungen –
aber nein,
so ein frecher Staubsauger kam ihr nicht ins Revier.

Sie hat ein Kämpferherz gehabt.

Aber leider ist sie nicht sehr alt geworden,
und ich vermisse sie immer noch,
obwohl es Jahrzehnte her ist.

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