Sehen

Erinnerungen an meine Jugendweihe

Sandro Mohn

Ich hatte mir kurz
vor meiner Jugendweihe ja
mein Bein gebrochen
und an dem Tag,
an dem dies geschah,
lag ich ja in meinem Bett
und hörte,
wie im Nachbarzimmer
darüber diskutiert wurde,
ob man meine Jugendweihe absagt
oder nicht.

Aber da so etwas staatlich geplant ist,
kam es nicht
zu einer solchen Absage
und drei Tage vorher
wurde mir der Gehgips abgenommen.

Ich war zu diesem Zeitpunkt
zwar dann ohne Gips,
aber ich lief noch nicht wieder
wie ein junger Gott,
sondern ich merkte,
dass mein Gelenk
und die Muskeln
noch nicht ganz belastbar waren
und keine Schmerzen,
die auf etwas Kaputtes hindeuteten,
sondern Schmerzen,
weil die Muskeln sich erst wieder
ans normale Laufen gewöhnen mussten.

Wir hatten unsere Jugendweihe
im Maxim-Gorki-Theater
und ich humpelte dann also dorthin,
ein bisschen früher
als der Rest der Familie,
weil ich ja ziemlich langsam war.

Warum wir nicht gefahren sind,
kann ich gar nicht sagen,
man hätte ja auch ein Taxi nehmen können,
aber es war schönes Wetter
und ich glaube,
ich wollte mich ein bisschen bewegen.

Nun, Jugendweihe, das ist ein merkwürdiges Initiationsritual
und eigentlich interessieren einen
nur die Geschenke.

Und dass man danach
von den Lehrern
mit Sie angesprochen wird.

Das war dann auch tatsächlich
für uns etwas Merkwürdiges,
dass unser Klassenlehrer
uns nicht mehr duzte,
sondern plötzlich siezte.

Für uns eine völlig neue Erfahrung,
aber nun gut.

Im Maxim-Gorki-Theater
war das natürlich alles unspektakulär,
es wurden glorreiche sozialistische Reden gehalten,
dann wurde man auf die Bühne gebeten,
bekam eine Urkunde
und das obligatorische Buch
über den Sozialismus
in die Hand gedrückt.

Früher bei meinen Schwestern
war es noch „Weltall Erde Mensch"
und bei uns ein Machwerk namens
„Der Sozialismus — Deine Welt",
in dem der Sozialismus gefeiert wurde,
aber eigentlich nur ein Propagandabuch.

Ich habe es auch gar nicht mehr.

Danach gab es zu Hause
eine kleine Kaffeerunde
und ich konnte die Geschenke
und Briefe öffnen
und überall waren so 20 oder 50 Mark drin
und ich bekam auch
ein paar Klamotten geschenkt.

Erstaunlicherweise von einem Bekannten
meiner Großmutter
eine Disco Jeans.

Hätte ich nicht vermutet,
dass er mir sowas schenkt,
war eher so eine verknöcherte Person,
aber da hat er tatsächlich
Geschmack bewiesen,
jedenfalls für mich als Jugendlichen.

Und was noch interessanter war,
die Hose passte tatsächlich.

Das wäre ja sozusagen
noch dramatischer gewesen,
wenn sie zu groß
oder zu klein
oder zu lang gewesen wäre,
aber nein,
sie passte wirklich wie angegossen
und ich habe sie auch
sehr viel getragen.

Es war so eine schwarze Jeans
in so einem schwarzen Kunststoff-Disco-Stoff
muss man sagen
und sah für damalige Zeiten
schon sehr modern aus
und war vor allen Dingen Röhre.

Das war für mich sehr wichtig.

Witzigerweise war das
eine Ost-Jeans
und tatsächlich mal ein gutes Stück Mode
und nicht wie sonst eins,
für das man sich schämen muss.

Danach sind wir noch
in einem Restaurant
auf der Karl-Marx-Allee
essen gegangen,
in diesen Stalin-Bauten.

Und auf den Nachmittag
habe ich dann noch
mit jemand anderem Schach gespielt
und ich habe sogar noch Bilder davon,
wie auch meine Schwester
neben mir sitzt
und zuschaut,
was ich so treibe.

Und wenn ich mir die Bilder anschaue,
merke ich,
dass ich verdammt jung aussah
mit meinen 14 Jahren.

Und vor allen Dingen habe ich,
glaube ich,
in demselben Jahr dann
meinen ersten Personalausweis bekommen.

Jedenfalls ist das die Erinnerung,
wie ich sie so habe.

Ob das der Realität entspricht,
dafür würde ich meine Hand
nicht ins Feuer legen.

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