Sehen
Erinnerungen an meine kurze politische Karriere
Es gab nach der Wende noch eine Wahl in der DDR.
Nach der Volkskammerwahl, meine ich,
gab es noch eine Wahl,
und zwar die Kommunalwahl zu den unteren Parlamenten.
Ich hatte mich für eine kleine Partei aufstellen lassen.
Das war der kurze Beginn und das Ende
sozusagen meiner politischen Karriere.
Es ging um das Abgeordnetenhaus
meines Stadtbezirkes in Berlin.
Ich rechnete mir keinerlei Chancen aus.
Ich dachte, ich bin zu unbedeutend,
meine Partei ist zu unbedeutend.
Und ich hatte ja auch, soweit ich mich erinnere,
keinen großen Wahlkampf gemacht.
Ich kann gar nicht mehr sagen,
ob ich irgendwelche Flugblätter
in Briefkästen reingeworfen habe –
vielleicht, vielleicht auch nicht,
vielleicht täuscht mich da meine Erinnerung.
Ich kann es wirklich nicht mehr genau bestimmen.
Aber es kam der Wahltag,
es kam die Auszählung,
und plötzlich sagte man mir,
dass ich Abgeordneter in meinem Stadtbezirk bin.
Von 85 Abgeordneten war ich genau
als Letzter gewählt worden.
Man muss dazu wissen,
es gab zu diesem Zeitpunkt keine 5-Prozent-Hürde,
und ich habe mit, ich glaube, 512 Stimmen
den letzten Platz erreicht –
und habe sogar die FDP geschlagen.
Ich war natürlich hoch erfreut,
war erstaunt.
Ich fragte mich natürlich auch,
wie ich zu diesem Ergebnis gekommen bin.
Dann dachte ich mir:
Nun ja,
mein Familienname ist nicht besonders häufig,
sticht also heraus.
Und mein Vater und meine Großmutter
waren in unserem Kiez doch nicht unbekannt.
Von daher wird mein Name auf dem Wahlzettel
den Leuten vertraut vorgekommen sein,
und dann hat man halt angekreuzt,
was man kennt.
So vermute ich, dass ich
auf die entsprechenden Stimmen gekommen bin.
Das ist, wie gesagt,
meine ganz private Überlegung.
Ich war dann mit 22 Jahren Abgeordneter,
und es war sehr interessant,
die politischen Ränkespiele,
die es auch auf kommunaler Ebene gibt,
zu beobachten.
Leider war, wie gesagt,
nach zwei Jahren meine Tätigkeit beendet,
weil in Berlin neu gewählt wurde.
Ich glaube, der Senat hat sich aufgelöst,
und darum wurden auch gleich
die Bezirksparlamente neu gewählt,
obwohl meine Legislatur
noch länger hätte gehen sollen.
Aber ich muss sagen,
es war hochinteressant und spannend,
auch in den Ausschüssen,
in denen ich dann mit dabei war –
Wirtschaft und Kultur.
Hinterher habe ich aber erfahren,
dass auch hinter meinem Rücken
über mich Dinge erzählt worden sind.
Dass ich angeblich betrunken
zu einer Verordnetenversammlung gekommen wäre,
was absoluter Unsinn ist,
denn ich trinke so gut wie kaum Alkohol.
Das war dann auch das Ende
meiner politischen Ambitionen.
Ich merkte, dass dieser politische Betrieb
durch und durch verlogen ist
und gegen meine Prinzipien verstößt.
Wenn man da lebt
und kein Magengeschwür bekommen will,
muss man sich wahrscheinlich verbiegen.
Und das wäre wiederum etwas,
wo ich ein Magengeschwür bekomme.
Also Finger weg davon.
Aber es war schon lehrreich.