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Erinnerungen an meine Schöffenzeit

Sandro Mohn

Vor 15 Jahren hatte ich einen Prozess in Berlin.
Ich habe ihn nicht gewonnen,
es war ein Vergleich,
aber für mich war es eigentlich ein Gewinn.

Das war vor dem Verwaltungsgericht.
Ich hatte bis dahin mehr oder weniger schlechte Erfahrungen mit den Gerichten gemacht,
und zwar insofern,
als ich mit den Urteilen sehr unzufrieden gewesen bin.

Aber ich denke, das ist immer der Fall,
wenn man verliert.

Nun, in diesem Fall war es ein Vergleich,
und ich war hoch erfreut.
Das war mehr,
als ich erwarten konnte.

Und so hatte ich ein bisschen Vertrauen in unsere Justiz wieder zurückgefunden.
Das war für mich der Anlass,
dass ich mich als Schöffe beworben hatte.

Die Zeit dafür war günstig,
denn kurze Zeit später standen die Wahlen an,
und von daher konnte ich mich aufstellen.

Ich hatte mir auch sagen lassen,
dass Schöffen immer händeringend gesucht werden.

Ich wurde also dann auch tatsächlich als Schöffe gewählt,
allerdings wurde ich als Ersatzschöffe eingesetzt,
was ich dann ein bisschen traurig fand.

Also nicht als regulärer Schöffe,
sondern als Ersatzschöffe.

Das heißt, ich wurde selten angerufen.
Normale Schöffen sind ansonsten so einmal im Monat drangekommen,
und ein Ersatzschöffe springt ein,
wenn ein normaler Schöffe ausfällt.

Jahrelang hörte ich also auch nichts vom Gericht.

Und dann kam plötzlich ein Anruf.

Dummerweise musste ich absagen,
weil ich genau zu diesem Zeitpunkt einen Urlaub antrat übers Wochenende
und ich an diesem Tag also nicht in Berlin gewesen wäre.

Was bedeutete, dass ich in der Reihenfolge der Ersatzschöffen wieder an letzte Stelle rückte.

Und wieder jahrelang hörte ich nichts,
bis ich dann wieder einen Anruf bekam.

Ich war dann für einen Mordprozess vorgesehen,
allerdings halt eben als Ersatzschöffe.

Das heißt, ich musste bei dem gesamten Prozess anwesend sein,
auch hinten im Richterzimmer.

Allerdings war es so,
dass ich zum Schluss bei den entsprechenden Beratungen,
ob der Angeklagte schuldig ist oder nicht,
nicht anwesend sein durfte.

Ich musste den gesamten Prozess halt komplett mitverfolgt haben,
für den Fall,
dass ein Schöffe ausfällt.

Denn dann wäre ich sozusagen sofort als Ersatzmann eingesprungen,
damit so ein Prozess nicht platzt.

Was mich an diesem Mordprozess wirklich schockiert hatte,
war das gesamte Umfeld,
also auch das gesamte familiäre Umfeld.

Der Mann war nicht nur ein Mörder,
sondern scheinbar auch in seiner Familie jemand,
der seine eigenen Kinder sexuell belästigt hat
beziehungsweise finanziell auf sehr üble Art und Weise ausgebeutet hat.

Mich hat aber gewundert,
dass teilweise die Kinder das gar nicht wirklich reflektiert haben,
also auch die Ehefrau sozusagen bei dem Begrabschen der eigenen Kinder
mehr oder weniger weggesehen hatte.

Wie man so leben kann
und schreckliche Dinge verdrängen kann,
das ist mir ein großes Rätsel geblieben.

Nun, der Mann ist tatsächlich zum Schluss auch des Mordes überführt worden.

Da gab es dann noch zahlreiche Gutachten und Gegengutachten.
Es war ein Prozess,
eine sehr spannende Angelegenheit,
der sich über anderthalb Jahre hingezogen hat.

Und wie gesagt, für mich ein sehr interessanter Einblick darin,
wie die Justiz funktioniert.

Damit war ich auch schon fast am Ende meiner Schöffenzeit.

Es gab nur noch ein einziges Mal,
dass ich an einem Tag dann an einem Prozess als Schöffe teilnahm,
der aber mehr oder weniger schnell auch wieder vorbei war,
weil dann erst einmal irgendwelche Dinge über den Angeklagten in Erfahrung gebracht werden mussten
bei anderen Behörden.

Und damit war dann dieser Prozess auch schon wieder vorbei,
der nicht länger als 30 Minuten dauerte.

Dann war meine mehrjährige Schöffenzeit auch schon abgelaufen.

Ich habe es nicht bereut,
wenngleich ich mir sozusagen mehr erhofft hatte.

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