Sehen

Erinnerungen an Messi-Genossen

Sandro Mohn

In unserem Kiez wohnten viele alte Leute,
die noch den Zweiten Weltkrieg
und auch die Nazizeit erlebt hatten.

Meine Großmutter war ja in der SED
und hatte sich auch bei uns im Kiez
sehr engagiert.

Sie hatte dann irgendwann
den Parteiauftrag bekommen,
sich um ältere Parteimitglieder zu kümmern.

Einer davon lag permanent im Bett.
Ich weiß nicht,
was für eine Krankheit er hatte,
ob er gelähmt war
oder was dafür sorgte,
dass er bettlägerig war –
ich kann es nicht sagen.

Jedenfalls hat sie das gemacht.
Sie hat auch nichts gesagt,
auch wenn sie mir manchmal im Geheimen erzählt hat,
dass es dort schrecklich dreckig war.

Sie hat manchmal in der Küche einfach
das dreckige Geschirr abgewaschen.

Der alte Genosse hatte auch eine Freundin,
eine Mitbewohnerin –
ich weiß nicht,
wie man sie nennen soll –,
die zwar ab und zu ein bisschen eingekauft hatte,
aber ansonsten genauso versoffen
und versifft in dieser Wohnung
für ihn gelebt hat.

Ich glaube, die werden beide Alkoholiker gewesen sein.
Es waren schreckliche Zustände.

Ich war einmal mit 10 oder 12 Jahren dabei,
und es war alles verdreckt und versifft.
Man wusste nicht,
wo man sich hinsetzen kann.
Ich habe mich da auch schrecklich gelangweilt.

Jedenfalls war es dann eines Tages so,
dass der Genosse gestorben war.
Die Freundin kam ins Altersheim,
vermutlich weil das gar nicht ihre eigene Wohnung gewesen ist.

Man hat dann meiner Großmutter erzählt,
und sie hat mir erzählt,
dass sie dann eines Tages auch
auf den Betten herumgehüpft ist
und gesungen und getanzt hat –
wahrscheinlich auch besoffen.

Man hat dann die mit Strippen zusammengehaltene Unterwäsche
unter ihren Kleidern gesehen.
Das muss alles sehr ärmlich
und bedürftig gewesen sein.

Aber sie muss ja, wenn man mit neunzig Jahren
über die Betten springt,
auch noch irgendwo
eine gewisse Form von Lebensfreude gehabt haben.

Wahrscheinlich war sie so ein ewiges Kind gewesen.

Kurze Zeit darauf muss sie aber gestorben sein.

Die Wohnung hat dann junge Bekannte,
auch wahrscheinlich eine Genossin
aus dem Genossenkreis des Viertels bekommen.

Ich half dann mit meiner Großmutter,
diese Wohnung zu entrümpeln.

Es waren schöne alte Schränke drin,
aber in diesen Schränken standen
vergorene alte Milchtüten,
die Milch war schon käsig.

Es war ein kompletter Messi-Haushalt.

Wir haben das alles entsorgt,
und dann stellte man fest,
dass es eine wirklich schöne Berliner Altbauwohnung
mit Stuck und Parkett gewesen ist.

Danach war die Wohnung wohnlich,
und ich denke mal,
das junge Mädchen wird auch gerne drin gewohnt haben.

Zugriffe gesamt: 1