Sehen

Erinnerungen an Mülltonnenspiele

Sandro Mohn

Meine Großmutter hatte in der Bibliotheksverwaltung
des Stadtbezirks Weißensee eine Stelle
als Sachbearbeiterin gefunden
und arbeitete dort in einem kleinen Büro,
umgeben von tausenden Karteikästen.

Dort hat sie irgendwelche Dinge bearbeitet.
Ab und zu habe ich sie als Kind dort besucht.

Es gab auch das Kino Toni in der Nähe,
und manchmal sind wir nach der Arbeit
noch ins Kino gegangen.

Ich kann mich daran erinnern,
dass wir einmal einen Jack-London-Film gesehen haben,
der irgendwo in Alaska
während der Zeit des Goldrausches
gespielt haben muss.

Es war eigentlich eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre dort.

Es gab auch eine kleine Kinderbibliothek,
in die ich dann manchmal ging,
um mir Kassetten auszuleihen,
Hörspielkassetten.

Einmal habe ich aber meine Großmutter
in Verlegenheit gebracht.

Eine Mitarbeiterin hatte auch ein Kind
mit auf Arbeit genommen,
und wir hatten dann gespielt.

Wir kamen irgendwie auf die glorreiche Idee –
ich weiß nicht wieso –,
uns in den Mülltonnen zu verstecken.

Das waren damals noch runde Mülltonnen,
wie ein Zylinder,
oben mit einer Klappe.

Die waren eigentlich immer schon fast bronzefarben,
goldfarben,
und zwar von dem Schmutz,
dem Rost und der Asche.

Im Osten wurde ja noch viel mit Kohle geheizt,
und von daher waren diese Mülltonnen oft
mit Aschestaub bedeckt,
innen wie außen.

Es war aber ein Sommertag.

Jedenfalls befand ich mich in einer dieser Mülltonnen,
und dann machte meine Großmutter die Mülltonne auf
und holte mich da raus.

Ich glaube, sie hat das Ganze
vom Fenster aus beobachtet.

Jedenfalls muss ich völlig schmutzig gewesen sein,
was zur Folge hatte,
dass sie mir im umliegenden Kinderbekleidungsgeschäft
neue Klamotten kaufte,
damit ich sauber nach Hause konnte.

Das ist auch eine Geschichte,
die sie gerne auf Familienfeiern erzählt hat:
wie sie einen Ohnmachtsanfall bekam,
nachdem sie mich in einer der Mülltonnen
hat verschwinden sehen.

Die Mülltonnen, muss ich dazu sagen,
waren auch komplett leer.

Sie waren halt nur vollkommen dreckig.

Wieso ich auf diese bescheuerte Idee gekommen bin,
kann ich gar nicht mehr sagen.

Aber auf was für Spielideen kommt man als Kind,
wenn man sechs oder sieben Jahre alt ist?

Älter werde ich nicht gewesen sein.

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