Sehen

Erinnerungen an private Lesungen

Sandro Mohn

Während der Corona-Zeit,
als die Restriktionen sehr stark waren
und auch die Kultureinrichtungen geschlossen hatten,
habe ich gemerkt,
wie stark wir kulturell geprägt sind
und wie wichtig Kultur ist.

Wobei ich zum Beispiel Fernsehen
für mich jetzt nicht als Kultur empfinde,
sondern ich meine Dinge,
wo man wirklich zusammenkommt,
wie ein Theaterstück oder eine Lesung,
also eine wirkliche Live-Veranstaltung
oder eine Ausstellungseröffnung,
sagen wir.

Und wir sind also nicht nur
ein Homo economicus,
sondern eben auch
ein Homo culturalis.

Und darum habe ich Treffen organisiert,
in denen wir uns gegenseitig
Literatur vorgelesen haben.

Ich habe mir ausgesucht
von Franz Fühmann
die Göttersagen,
wo es also um Zeus
und Prometheus und Hera
und so weiter ging
und die Kämpfe auch
gegen die Titanen und Giganten
und so weiter.

Und da habe ich auch
zum Beispiel wieder gemerkt,
wie schön es ist,
wenn man im privaten Rahmen
solche Veranstaltungen macht.

Man trifft sich, wir waren dann zehn oder zwölf Leute,
die in meinem Wohnzimmer
dicht gedrängt saßen
und alle haben es genossen zuzuhören
beziehungsweise jeder oder fast jeder
reihum hat ein Kapitel vorgelesen.

Ich denke auch, dass es den Leuten Spaß gemacht hat,
dann selbst Kultur zu machen,
zumal die griechischen Göttersagen,
von Franz Fühmann erzählt,
sehr gute Literatur sind.

Also die griechische Mythologie
ist eh etwas Schönes
und die Bearbeitung von Franz Fühmann
war sehr nachvollziehbar.

Also keine Verfälschung,
aber nicht dieses komplizierte Versdrama,
wie es im Original ist,
sondern eine schön erzählte Geschichte.

Und die Leute waren auch wirklich
wahnsinnig dankbar dafür.
Es hat allen Spaß gemacht
und es war auch ein Gemeinschaftsgefühl,
was irgendwo entstand.

Und ich merkte auch noch etwas anderes.
Der ganze Theaterbetrieb,
so wie er aktuell ist,
ist für mich überhaupt gar nicht mehr anspruchsvoll,
wenn ich merke,
dass Regisseure Klassiker verhunzen,
nur um sich sozusagen abzuheben
oder intellektuell etwas zu machen,
was aber meist nur pseudo-intellektuell ist
und keinen wirklichen Anspruch hat.

Und wir haben einfach nur
gute Literatur uns vorgelesen
und das war schon ausreichend befriedigend
und wir brauchten da nicht
irgendetwas Vergeistigtes,
sondern uns reichte das ganz Normale aus.

Jetzt, wo Corona vorbei ist,
ist der Druck irgendwo weg,
sowas zu organisieren,
was ich irgendwo schade finde.

Weil ich glaube, dass auch früher,
wenn Leute zu Hause gemeinsam Musik gemacht haben,
das etwas sehr Schönes sein konnte,
was leider fast ausgestorben ist
und die Leute hängen lieber hinter dem Computer
und zocken für sich,
anstatt dass sie gemeinsam familiär
irgendetwas erleben.

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