Sehen

Erinnerungen an Raffaella

Sandro Mohn

Raffaela.
Schon der Name war ein Versprechen,
das sie nicht ganz einlösen konnte.

Sie behauptete, italienische Vorfahren zu haben.
Schwarze Haare hatte sie tatsächlich,
und etwas Südländisches
war ihr nicht abzusprechen.

Aber sie kam aus Thüringen.
Was natürlich kein Makel ist.
Aber es passte zu ihr:
der Anspruch und die Wirklichkeit
lagen bei ihr immer
ein wenig auseinander.

Grüne Augen. Das fiel sofort auf.
Ausdrucksstarke Augen,
die viel versprachen.

Und sie war tatsächlich
eine schillernde Person.
Zumindest am Anfang.

Künstlerisch ambitioniert,
voller Ideen,
rastlos.

Man konnte sich gut
mit ihr unterhalten.
Manchmal zu gut –
irgendwann merkte man,
dass man ihr zuhörte,
ohne dass viel Substanzielles
übrig blieb.

Sie wollte Gedichte.
Nicht irgendjemandes Gedichte,
sondern meine.
Frisch geschrieben,
für sie.

Und zwar spontan. Das war ihr Lieblingsanspruch:
Spontaneität.

Wenn sie es verlangte,
war man es garantiert nicht.

Das ist das Wesen der Spontaneität –
sie lässt sich nicht bestellen.

Das schien sie nicht zu verstehen,
oder sie wollte es nicht verstehen.

Was genau, weiß ich bis heute nicht.

Sie träumte schlecht.
Oft und intensiv.
Monster, Verfolgungen,
Bedrohungen aller Art.

Das war ihr ernst, und ich nahm es auch ernst.

Aber ihre Angst vor dem Geträumten
ließ sie nicht los,
wenn sie aufwachte.

Sie ließ sie an mir aus.
Nicht laut,
nicht mit Vorwürfen.

Eher als eine Art Kälte,
eine Verschlossenheit,
die sich nach solchen Nächten
über sie legte
und auch mich einhüllte.

Irgendwann begann das alles
zu ermüden.

Der Zauber, der am Anfang da war –
und er war wirklich da –
verflog allmählich.

Der Sex wurde routiniert,
dann langweilig.

Wir gaben uns beide
keine Mühe mehr,
und keiner sagte etwas dazu.

Ich versuchte ihr einmal zu helfen,
bei ihren künstlerischen Sachen.
Wurde zurückgewiesen.

Sie wollte keine Hilfe,
oder sie wollte sie nicht von mir.

Was das über sie sagte
oder über uns,
habe ich nie ganz herausgefunden.

Das Ende kam nicht als Knall.
Es zerbröselte einfach.

Ein unaufgeregtes Ende
für eine zunächst gar nicht
unaufgeregte Beziehung.

Manchmal sind das die merkwürdigsten:
die, die mit viel Funken beginnen
und mit einem leisen Zischen
aufhören.

Als wäre die Luft einfach langsam raus gewesen.

Raffaela aus Thüringen
mit dem italienischen Namen
und den grünen Augen.

Eine Beziehung von etwa einem halben Jahr.

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