Sehen

Erinnerungen an schwesterliche Ohrfeigen

Sandro Mohn

Ich habe ja an anderer Stelle schon mal erwähnt,
dass ich in einer Familie groß geworden bin,
in der es – jedenfalls mir gegenüber –
keine große Gewalt gab.
Bis auf drei Kleinigkeiten
mit meinem Vater.

Meine Schwester allerdings hat mir
bis zu meinem zehnten Lebensjahr
ab und zu eine Ohrfeige gegeben.
Sie war sechs Jahre älter als ich
und sah sich ein bisschen
in der Rolle der Erziehungsberechtigten.
Weil meine Mutter ja verstorben war.

Andererseits hatte sie
von ihrer eigenen Mutter
sehr viel Gewalt erfahren.
Ich glaube, sie musste das
ein bisschen an mir ausleben.
Auch wenn wir eigentlich
ein sehr gutes Verhältnis
als Geschwister hatten.

Immer wenn sie mir eine Ohrfeige gab,
aus welchen Gründen auch immer,
bin ich wutentbrannt ins Bad gerannt
und habe eine Träne verdrückt.
Ich habe in mich hineingewütet
und mir gesagt,
dass das auf ihr Konto geht.

Und dass ich ihr das eines Tages
heimzahlen werde,
mit Zins und Zinseszins.
Und ich werde mich ewig daran erinnern.

Ein paar Tage später war es meist
schon wieder vergessen.
Wir waren gute Geschwister.

Bis zur nächsten Aktion,
wo ich dann wieder
eine Ohrfeige bekam.

Manchmal kam zur Ohrfeige auch
ein Fernsehverbot.
Das traf mich eines Tages
besonders hart.

Es gab zwei Filme im Fernsehen:
einen Science-Fiction-Film
und einen Film mit Louis de Funès.

Ich bin sowohl Science-Fiction-Fan
als auch Fan von Louis de Funès.
Ich wollte natürlich beide Filme sehen.

Sie sagte: Nein, du darfst nur einen Film sehen.
Das war die größte Strafe.

Nicht beide Filme, ich durfte mir nur einen aussuchen.

Ich verzichtete auf den Science-Fiction-Film,
um dann abends Louis de Funès sehen zu dürfen.

Aber ich konnte mich nicht daran halten.

Im Schlafzimmer meines Vaters stand
ein kleiner Fernseher.
Ich habe mich irgendwann doch hingesetzt
und angefangen,
den Science-Fiction-Film zu sehen,
der nachmittags lief.

Natürlich bemerkte meine Schwester das prompt
und sagte: Du hast dir jetzt den Science-Fiction-Film angeschaut,
Louis de Funès darfst du dann also nicht sehen.

Das war eine richtig fiese Angelegenheit.
Fast schlimmer als die Ohrfeigen.

Ich durfte dann abends
in meinem Bettchen liegen
und das Lachen meiner Schwester
aus dem Wohnzimmer hören,
wo sie den Louis-de-Funès-Film sah.

Die letzte Ohrfeige – beziehungsweise das letzte Mal,
dass meine Schwester körperlich gegen mich vorgehen wollte –
war mit zehn Jahren.

Man muss dazu wissen:
Ich hatte mir im Sommer
das Handgelenk gebrochen,
am linken Arm.

Der war jetzt gerade wieder frisch verheilt,
aber noch nicht ganz belastbar.

Das Problem war: Ich wollte in mein Glas Milch
Zucker schütten.

Weil ich ganz gerne Milch mit Zucker trinke.

Meine Schwester war der Meinung,
nein, ich solle die Milch ohne Zucker trinken.

Ein völlig komischer Streit,
der nur unter Geschwistern zustande kommt.

Ich war der Meinung,
ich würde meinen Vater fragen,
ob ich Zucker reinmachen darf.

Ich wollte ins Wohnzimmer gehen.
Ich hatte in der Küche Abendbrot gegessen.

Meine Schwester stand auf
und wollte mich daran hindern,
zu meinem Vater zu gehen.

Dabei drehte sie meinen Arm um.
Und zwar genau den Arm,
der gerade frisch verheilt war.

In diesem Augenblick bekam ich Panik.
Ich drehte mich um
und trat ihr mit meinem Knie einmal
zwischen die Beine.

Ein sogenannter Pferdekuss,
wie wir es damals nannten.

Sie ließ augenblicklich los
und sackte in sich zusammen.

Ich ging zu meinem Vater,
und der hat natürlich bestätigt,
dass ich Zucker in meine Milch machen kann.

Das Interessante ist:
Seit diesem Tag,
an dem ich mich das erste Mal gewehrt habe,
war es auch das letzte Mal,
dass ich mich zu wehren brauchte.

Danach habe ich nie wieder
eine Ohrfeige oder eine andere Art
von körperlicher Gewalt von ihr bekommen.

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