Sehen
Erinnerungen an sich erfüllende Träume
Es gibt aber nicht nur wiederkehrende Träume,
wie ich an anderer Stelle schon erzählte.
Es gibt auch Träume,
die einmalig sind,
aber trotzdem eine derart große Ausstrahlungskraft haben,
dass man sich noch lange Zeit später daran erinnert.
Die meisten Träume verblassen ja entweder nach dem Aufwachen
oder sind ein paar Tage später aus dem Gedächtnis gestrichen.
Doch es gibt eine Handvoll,
die sich so tief eingegraben haben,
dass man sie nie wieder vergisst.
Bei mir waren das Träume,
die sich auf eine gewisse Art und Weise dann auch erfüllt haben.
Der erste Traum war kurz bevor ich zur Armee einberufen wurde.
Ich stand in einem Tal
und sah auf dem Bergkamm mehrere Menschen hin und her laufen.
Dazu gab es eine bedeutungsschwangere Musik,
orchestral fast,
wie Beethoven oder ein anderer großer Komponist,
obwohl ich die Melodie nicht erkannte.
Eine mir unbekannte Musik,
aber sehr prägend.
Ich wachte auf und wusste sofort,
dass etwas Bedeutsames geschehen war.
Nur was, das wusste ich nicht.
Der Witz war, dass ich kurze Zeit später zur Armee einberufen wurde.
In der Grundausbildung befand ich mich in Schneeberg im Gebirge.
Wir hatten eine Ausbildungsstunde,
ich stand im Tal
und sah nach oben –
und dort sah ich,
wie eine andere Kompanie auf den Berggipfeln entlang spazierte.
In diesem Augenblick traf es mich wie ein Blitz.
Das war genau das Bild,
das ich ein paar Wochen zuvor im Traum gesehen hatte.
Vielleicht nicht ganz genau,
aber die Assoziation,
die Erinnerung war so stark –
der Traum kam derart in mich zurück,
dass ich es bis heute nicht vergessen habe.
Der nächste Traum, der sich erfüllte,
hatte mit einer unglücklichen Liebschaft zu tun.
Sie wohnte in einem anderen Stadtbezirk von Berlin.
Ich träumte, dass ich in der U-Bahn bin,
aussteige
und sie an mir vorbei in die U-Bahn läuft.
Am nächsten Tag ging ich genau in diese U-Bahn-Station hinunter.
Und tatsächlich: Sie begegnete mir.
Aber im Gegensatz zum Traum verpasste ich sie um sechs Schritte.
Ich kannte diese Person,
kannte sie von vorne,
kannte sie von hinten,
wusste,
wie sie läuft,
wie ihr Gang ist.
Ich habe sie mit hundertprozentiger Sicherheit erkannt.
Doch ich bin an meinem Traum um sechs Schritte vorbeigelaufen.
Ansonsten hätte er sich exakt so erfüllt,
wie ich ihn geträumt hatte.
Das hat mich lange Zeit beschäftigt –
wie ich das erahnen konnte.
Der dritte Traum, der sich auf gewisse Art erfüllte,
war ebenfalls sehr bedeutungsschwer.
Ich hatte geträumt,
dass ich den letzten Tag der Menschheit erlebe.
Dieser letzte Tag war aber sehr friedlich,
fast harmonisch,
von einer meditativen Musik untermalt.
Niemand hatte Angst.
Jeder wusste: Das ist heute der letzte Tag,
morgen wird es uns alle nicht mehr geben.
Aber niemand hatte Angst.
Es war ein Bild friedlicher Harmonie.
Erfüllt hat sich dieser Traum auf folgende Weise:
Ich ging mit einem Bekannten,
der überlegte,
ob er nach Berlin ziehen soll,
durch den Mauerpark.
Ich wollte ihm zeigen:
Berlin ist schön,
Berlin ist toll,
hier lohnt es sich zu leben.
Und plötzlich spürte ich genau diese meditative Ruhe und Stille,
die den Park durchzog.
Es war Ende August,
warm,
aber nicht zu warm.
Die Leute saßen da,
mit sich beschäftigt.
Der eine machte Tai-Chi,
der andere trommelte ein bisschen vor sich hin.
Alles war im Einklang,
im Reinen mit sich.
In diesem Augenblick stieg der Traum vom letzten Tag in mir auf,
und ich fühlte plötzlich genau das,
was ich damals im Traum gefühlt hatte –
an diesem Ort,
zu dieser Zeit.
Auch das ist für mich ein prägendes Erlebnis geblieben,
der Traum wie auch seine Erfüllung.