Sehen

Erinnerungen an skurrile Gestalten

Sandro Mohn

Aber es gab als schrille Gestalt
in Berlin nicht nur die Nachtigall
von Ramersdorf,
wie ich schon an anderer Stelle
beschrieben habe.

Nein, es gab noch viel mehr Personen,
die aber interessanterweise erst
nach der Wende auftauchten.
Zu Ostzeiten müssen die wahrscheinlich alle ihre Zeit
in irgendwelchen geschlossenen Anstalten verbracht haben.

Jedenfalls sind die merkwürdigen Gestalten
deutlich weniger gewesen.

Nach der Wende gab es zum Beispiel
merkwürdige Gestalten,
vor allen Dingen in der U-Bahn.

Da gab es einmal Herrn Hinkebein,
der immer in Frauenkleidern
am Alexanderplatz die Mülltonnen durchwühlte.

Dabei hatte er ein sehr merkwürdig verdrehtes Kniegelenk,
sodass sein Bein schon in einem Winkel von 90 Grad abstand
und er durch den U-Bahnhof stakste.

Dabei trug er immer seinen Rock.
vermutlich auch wegen seines merkwürdigen Hinkebeins.

Aber auch Hinkebein verschwand irgendwann
und wurde nie wieder mehr gesehen.

Dann gab es eine andere skurrile Persönlichkeit,
die in der U5 mitfuhr
und den Leuten die nächste U-Bahn-Station
und die Umsteigemöglichkeiten ansagte.

Dabei war er aber offenkundig kein BVG-Angestellter,
sondern einfach ein ganz normaler Fahrgast,
der aber halt einen an der Klatsche hatte.

Das Interessante war, dass er einmal,
bevor wir in den Bahnhof Schillingstraße einfuhren,
er den nächsten Bahnhof als Alexanderplatz ankündigte,
um dann nach einer drei- oder fünfsekündigen Pause zu sagen:

Das war natürlich ein Idiotentest,
oder ein Intelligenztest,
natürlich ist das die Schillingstraße.

Wobei wir anderen Fahrgäste uns alle köstlich amüsiert haben,
genauer gesagt versucht haben,
das Lachen zu unterdrücken.

Eine geistig minderbemittelte Person,
die erklärt, einen Intelligenztest zu machen –
das war schon eine sehr merkwürdige Situation.

Dann gab es die Personen,
die am Alexanderplatz auftauchten
und – naja,
Musik machen kann man es nicht wirklich nennen.

Der eine fuhr immer auf einem Fahrrad
mit einem Fahrradanhänger,
auf dem mehrere Soundboxen installiert waren.

Dann spielte er Musik ab,
und dazu hat er mit Löffeln
den Takt geklappert.

Ich weiß nicht, ob das sehr lukrativ gewesen ist,
aber ich habe ihn in den 90ern öfter gesehen,
auch mit einem Stirnband
und mit sehr vielen verschiedenen Schals
und sehr merkwürdigen Outfits.

Meistens eine hautenge,
körperbetonte Stretchhose,
die eher so an Aerobic erinnerte.

Für seinen Körper mehr als unvorteilhaft,
aber er hat es mit Würde getragen.

Dann gab es noch eine andere Person,
die auch hoch bizarr war.

Er war eigentlich ein sehr gut aussehender,
auch körperlich gut gebauter Mann.

Ich vermute Spanier,
der aber meistens so zugekokst war,
dass er in ein Café reingging
mit nacktem Oberkörper,
dann einen Spiegel in der Hand,
den Spiegel bespuckte,
den Spiegel dann an seine Wangen drückte,
damit in das Café hinein ging
und wieder hinaus.

Oder er machte aus dem Stand heraus
irgendwelche Liegestütze,
um dann aufzustehen
und fluchend in seinem spanischen Dialekt
die Leute zu beschimpfen.

Das war sehr merkwürdig,
wie gesagt,
vor allen Dingen,
weil er nicht behindert aussah.

Aber er muss ein ernsthaftes Drogenproblem gehabt haben,
anders kann ich mir das nicht erklären.

Und auch diese Person verschwand dann irgendwann
nach einiger Zeit.

Und so ist es in Berlin immer:
Die geistesgestörten Personen kommen,
sind für eine Weile da
und sind dann wie vom Erdboden verschluckt.

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