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Erinnerungen an Stinnes Baumarkt

Sandro Mohn

Ich war Mitte der 90er Jahre arbeitslos
und bekam Arbeitslosengeld.
Mein Problem war,
dass ich trotzdem absolut pleite war
und ich musste irgendwie Geld dazuverdienen.

Ich hatte dann gesehen,
dass bei Stinnes Baumarkt Leute gesucht wurden,
die dort aushelfen
und ich machte dann eine Bewerbung
im Stinnes Baumarkt
und gab aber an,
dass ich Student bin.

Ich hatte noch irgendwie einen Studentenausweis gefunden.
Ich war ja zwei Jahre lang
an der Humboldt-Uni eingeschrieben
und irgendwie gelang es mir,
diesen Ausweis so zu manipulieren,
dass er aktuell aussah.

Ich habe dann auch, glaube ich,
drei Monate dort gearbeitet.
Es war sogar so,
dass ich scheinbar so guten Eindruck gemacht hatte,
dass mir der Marktleiter einen Job angeboten hat,
den ich aber abgelehnt habe.

Ich hatte in der Holzabteilung gearbeitet
und dort die Latten sortiert,
die Paneele und Fußbodenbeläge
und habe alles dort sozusagen in Ordnung gehalten,
die Ware eingeräumt.

Ich bin natürlich auch immer prompt angesprochen worden
und habe dann festgestellt,
dass viele Leute entscheidungsschwach sind
und man ihnen sozusagen die Entscheidung abnehmen muss
oder sie froh sind,
wenn man ihnen sagt,
wie sie ihre eigene Wohnung einzurichten haben.

Das hat mich sehr verblüfft
und ich habe versucht,
mein Bestes zu geben
und wenn nicht,
dann habe ich nur gesagt,
ich bin nur eine Aushilfe
bei irgendwelchen Fachfragen,
aber ich habe versucht,
die Leute trotzdem
mit einem guten Gefühl gehen zu lassen.

Das muss sich wahrscheinlich
bis zum Marktleiter herumgesprochen haben.
Ansonsten hätte er mir wahrscheinlich nicht angeboten,
dort einen vollwertigen Job zu bekommen.

Aber ich habe meine Zukunft
nicht in einem Baumarkt gesehen
und nachdem ich das Geld zusammen hatte,
um mir einen Drucker
und, ich glaube,
ein neues Motherboard
für meinen Computer zu kaufen,
mir wurde es ein bisschen zu heiß
und prompt kam,
ich glaube ein halbes Jahr später,
von der Behörde,
also sprich vom Arbeitsamt,
ein Schreiben,
dass man mich dabei erwischt hatte,
wahrscheinlich über die Unterlagen
vom Stinnes Baumarkt,
dass ich dort illegal gearbeitet habe

und dann musste ich einen Brief schreiben,
warum ich das gemacht habe,
also eine Art Selbstanklage,
verbunden mit der Zusage,
das Geld zurückzuzahlen,
was ich unrechtmäßig verdient hatte
und dann war das auch erledigt.

Aber wie gesagt, wenn man nicht sehr viel Geld hat,
dann noch etwas zurückzuzahlen,
das ist schon ein hartes Stück Brot gewesen.

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