Sehen

Erinnerungen an Sylvester

Sandro Mohn

Die ersten Silvester meines Lebens
kann ich mich daran erinnern,
habe ich immer
mit meiner Großmutter gefeiert.

Ich bin dann abends
nach dem Abendessen
zu ihr rübergegangen.

Wir haben Bowle getrunken,
und es gab immer
einen Silvesterschwank,
den ich mir sehr gerne angeschaut habe.

Humor war etwas, was mich immer begeistert hat.

Dann gab es meist eine Fernsehshow,
und um 24 Uhr
wurde angestoßen.

Manchmal hatte meine Großmutter
sogar etwas Tischfeuerwerk gekauft
und einmal sogar tatsächlich
ein paar Raketen,
die ich dann abgefeuert habe.

Man hat die so in eine Flasche gesteckt,
und dann haben wir,
glaube ich,
zwei oder drei Raketen
in den Himmel gejagt.

Ein paar haben wir aufgehoben,
und das wurde dann später
noch ein kleines Problem,
aber dazu an anderer Stelle.

Dann habe ich mich meistens
noch vor den Fernseher gesetzt,
während meine Großmutter schlafen ging.

Ich habe dann auch bei ihr übernachtet
und wollte meistens
so lange wie möglich aufbleiben.

Meine Großmutter drängelte dann immer,
dass ich schlafen gehe,
worauf ich keine Lust hatte.

Irgendwann war aber
ihre Quengelei so nervtötend,
dass ich dann
ins Bett gegangen bin.

Irgendwann in der Pubertät
war es dann ein Problem,
bei meiner Großmutter zu feiern,
weil ich natürlich auch Angebote bekommen hatte
von Bekannten und Freunden,
die mehr in meinem Alter waren.

Da erschien es mir nicht mehr opportun,
Silvester bei meiner Großmutter zu feiern.

Es war mir auch äußerst unangenehm,
ihr zu sagen,
dass ich woanders feiern werde.

Mein Vater erlaubte es auch.

Allerdings verlangte er von mir,
dass ich um 23 Uhr
wieder zu Hause sei,
was ich völlig bescheuert fand.

Dass ich also die meiste Zeit
bei den Freunden verbringe
und dann noch nach Hause fahre –
ich musste ja
eine halbe Stunde Fahrt einrechnen.

Ich habe es auch mehr oder weniger gemacht,
war dann um halb zwölf zu Hause,
aber ich war stinksauer.

Im Jahr darauf durfte ich dann wenigstens
den Silvesterabend
bei den Freunden verbringen.

Aber das war schon ein harter Schlag,
also Silvester nach Hause zu fahren.

Ein ähnlich hartes Silvesterlos hatte ich
an meinem ersten Silvester,
das ich bei der Armee verbracht hatte.

Dort musste ich zur Wache aufziehen,
und dummerweise
nicht nur Wache
vom Silvestertag
ins neue Jahr hinein,
sondern ich stand auch noch direkt
von nachts 23 Uhr
bis in die erste Stunde
des neuen Jahres
mit dem Gewehr aufgeschultert,
während die anderen
von der Wache drinnen
im Wachobjekt
wenigstens angestoßen haben.

In diesem Augenblick
habe ich mir geschworen,
nie wieder Silvester
bei der Armee zu verbringen.

Und ich habe es dann tatsächlich auch so gemacht,
dass die beiden anderen Silvester
ich immer zu Hause war.

Kaum war ich entlassen,
ist die nächste Silvesterparty
ins Wasser gefallen.

Ich hatte einen neuen Job angenommen,
war Pförtner
in einem Berufsverband.

Man hatte von mir verlangt,
weil die ganzen Mitglieder
schon älter waren
und die Mitglieder sich
im Verbandshaus trafen
und an Tischen saßen,
dass ich doch auch hinkommen soll,
um dort die Leute
ein bisschen aufzumuntern.

Dumm wie ich gewesen bin,
habe ich das auch gemacht
und habe ein stinklangweiliges Silvester erlebt.

Das hätte ich mir nicht träumen lassen,
dass mein erstes Silvester in Freiheit
nach der Armee
wieder so eine lahme Party wird.

Nun gut, witzigerweise habe ich
in den letzten Jahren
sogar zwei Silvester
zu Hause verbracht
und bin einfach schlafen gegangen.

Habe mich ins neue Jahr reingeschlafen.

So ändern sich die Ambitionen,
was Silvester betrifft.

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