Sehen
Erinnerungen an Tessa
Tessa lernte ich
in der U-Bahn kennen.
Das heißt,
dort lief sie mir
über den Weg,
als ich zu Christine
fahren wollte,
um Christine zu meinem
jährlichen Gänseessen
vor dem Weihnachtsfest
einzuladen.
Ich ging dazu am Alex in die U-Bahn,
in die U5,
weil ich in den Friedrichshain
fahren wollte.
Zu mir in die U-Bahn
gesellte sich
eine junge Frau.
Blonde, lange Haare,
zum Zopf gebunden,
einen Wintermantel an.
Wir standen nebeneinander,
beäugten uns kurz.
Dann kam – es war kurz nach der Wende,
also die frühen Neunziger –
eine Person,
ich vermute aus dem Balkan,
mit einer Flöte in der Hand
und spielte den Leuten etwas vor,
um ein bisschen Geld
zu schnorren.
Das Spielen auf dieser Flöte
war schrecklich und falsch,
und jedes musikalische Gehör
wurde quasi gequält.
Wir guckten uns beide an
und verdrehten die Augen.
Am U-Bahnhof Frankfurter Tor
stieg sie aus.
In diesem Augenblick,
das weiß ich noch,
bin ich auch ausgestiegen
und dachte:
Du handelst jetzt
gegen dein Schicksal,
weil eigentlich will das Schicksal,
dass du mit dieser Frau
nicht zusammen bist.
Ich wusste aber, ich muss hier aussteigen,
um sie kennenzulernen.
Ich hätte eigentlich
eine U-Bahn-Station
weiterfahren müssen
und wäre dann
zu Christine gelaufen.
Ich dachte mir, scheißegal,
die U-Bahn-Station
kannst du auch laufen,
und du hast aber die Möglichkeit,
dich mit ihr
ein bisschen zu unterhalten.
Ich kam dann auch ins Gespräch mit ihr.
Wir haben uns
über diesen Typen
kurz ausgetauscht.
Sie sagte, dass sie Saxofon spiele,
und ich sagte,
oh, ich habe einmal
Violine gelernt.
Schon hatten wir einen kleinen Anknüpfungspunkt.
Dann erzählte sie, dass sie aus dem Ruhrgebiet
gekommen ist,
um hier in Berlin
zu studieren,
und ich sagte:
Ach,
ich kann dir Berlin zeigen.
Irgendwann standen wir
vor einer Haustür,
und sie sagte,
ja, hier ist es,
hier wohnt sie
zur Untermiete.
Sie hatte von einem Bekannten
die Wohnung angemietet.
Dann kam das Obligatorische:
Ja, was machen wir jetzt eigentlich?
Sie fragte, ob ich nicht Bock habe,
mit auf einen Kaffee
raufzukommen,
was ich natürlich
gerne gemacht habe.
Das Resultat davon war,
dass wir zum Schluss
nach Mitte gefahren sind,
weil ich ihr
die Szenecafés der Stadt
zeigen wollte.
Auf dem Nachhauseweg –
ich habe sie natürlich
zu ihrer Wohnung begleitet –
habe ich dann einfach angefangen,
sie zu schnappen
und zu knutschen.
Ich glaube, das hat ihr imponiert.
Sie sagte dann am Abend,
dass ich keinen Sex mit ihr
haben werde
an diesem Abend,
weil sie noch Jungfrau ist.
Wir sind aber im Bettchen gelandet
und haben ein bisschen rumgemacht,
auch ohne miteinander zu schlafen.
Kurze Zeit darauf, es war ja die Vorweihnachtszeit,
ist sie nach Hause gefahren,
und wir haben dann
miteinander telefoniert
über Weihnachten.
Eigentlich war klar,
das wird eine Beziehung.
Tatsächlich wurde sie dann auch
meine erste längerfristige Beziehung –
wenn man diese Kurzzeitliebe
mit Christine absieht,
die eher eine On-Off-Beziehung
über ein paar Wochen war,
und Marina absieht,
die kurz bei mir eingezogen war.
Es war meine erste wirklich längerfristige Beziehung,
mit der ich sogar
in den Urlaub gefahren bin.
Heute wohnt sie nicht mehr in Berlin.
Sie ist nach Köln gezogen
und hat ein Kind bekommen,
ist aber nicht verheiratet.
Vor über zwanzig Jahren
habe ich sie
zum letzten Mal gesehen.