Sehen
Erinnerungen an väterliche Prügel
Ich bin in keinem gewalttätigen Umfeld groß geworden.
Wenn man mal von ein paar Konflikten mit meiner Schwester absieht,
die aber nicht großartig dramatisch waren.
Meine Großmutter hat mich nie geschlagen.
Zu keinem Zeitpunkt.
Auch mein Vater war nicht gewalttätig.
Aber dreimal bin ich von ihm verwamst worden.
Zweimal verprügelt und einmal eine Ohrfeige.
Das habe ich überlebt.
Das allererste Mal,
da war ich sieben Jahre alt.
Ich hatte eine Woche in der Schule verbracht.
Es war der erste Sonnabend meiner Schulzeit.
An den anderen Tagen war ich normalerweise im Hort
und wurde dann abgeholt.
Der Sonnabend war ein bisschen anders.
Sonnabends nach der Schule
konnte man sofort nach Hause gehen.
Ich ging mit meiner Nachbarsfreundin,
die mit mir in derselben Klasse war,
nach Hause.
Wir beschlossen, noch zu spielen.
Sie ging nach oben,
legte den Ranzen ab.
Ich hatte irgendwie keine Lust,
nach oben zu gehen.
War mir gar nicht so bewusst.
Ich wartete,
bis sie wieder runterkam.
Dann spielten wir
auf dem Hof meiner Großmutter.
Dort gab es einen ausgebombten Keller,
den wir ausgiebig untersuchten.
Mein Vater sah mich irgendwann vom Fenster aus,
wie ich mich auf der Straße bewegte.
Er brüllte sofort runter,
dass ich nach oben zu kommen habe.
Er rannte mir schon entgegen.
Im Hausflur bekam ich den Hintern versohlt.
Weil ich seit zwei Stunden nicht zu Hause war.
Alle hatten schon Mittag gegessen.
Oder man wartete auf mich.
Und ich tauchte einfach nicht auf.
Er hatte sich natürlich Sorgen gemacht,
dass mir etwas passiert war.
Und hat dann seinem Unmut Luft gemacht,
indem er mir den Hintern versohlte.
Das zweite Mal war ein paar Jahre später.
Wir hatten eine Gasheizung.
Es war Frühling oder Herbst,
schon kalt,
aber noch nicht ganz so kalt.
Ich hatte die Angewohnheit,
bei laufender Gasheizung das Fenster aufzumachen
und nach draußen zu schauen.
Gucken, was da so auf der Straße abgeht.
Fast so wie einer von den alten Leuten.
Ich sollte, wenn ich das Fenster aufmachte,
die Gasheizung ausstellen.
Weil natürlich das Geld sinnlos verpulvert wird,
wenn man die Heizung an
und das Fenster offen hat.
Wie der Zufall es will:
Ich gucke aus dem Fenster,
habe die Gasheizung an,
und sehe,
wie mein Vater auf dem Weg nach Hause
die Straße langkommt.
Mein Vater sieht, dass ich aus dem Fenster schaue.
Ich bekomme natürlich Schiss
und mache die Heizung aus.
Prompt kommt er in mein Zimmer,
fasst die Gasheizung an,
die ich zwar gerade ausgemacht hatte,
die aber noch glühend heiß war.
Daraufhin hat er einen Bügel genommen
und mir den Hintern versohlt.
Danach habe ich nie wieder
die Gasheizung angelassen,
wenn das Fenster offen stand.
Das dritte Mal war eine Ohrfeige.
Wieder ein paar Jahre später.
Es gab eine Auseinandersetzung
am sonntäglichen Mittagstisch.
Meine Stiefmutter zog darüber her,
dass ich in der Schule nicht Mittag esse.
Wo doch das Essensgeld an die Schule bezahlt wird
und das Geld zum Fenster rausgeworfen werde.
Ich habe nie gerne das Schulessen gegessen.
Das war für mich schrecklich.
Es gab eine Abmachung mit meinem Vater,
dass das Essensgeld an meine Oma ging.
Wir haben also, ohne meiner Stiefmutter Bescheid zu sagen,
das Geld an meine Oma gegeben.
Sie hat für mich gekocht.
An diesem Sonntag habe ich dann
am Tisch die Bombe platzen lassen.
Weil es mir gegen den Strich ging,
dass ich von meiner Stiefmutter runtergeputzt wurde.
Ich sagte, dass das Essensgeld ja an meine Großmutter geht.
Meine Stiefmutter war sauer.
Sie muss meinem Vater einen gehörigen Einlauf verpasst haben.
Jedenfalls, eine Stunde später saß ich auf der Toilette.
Dann riss mein Vater die Toilettentür auf.
Ich stand auf,
mit heruntergelassener Hose,
und er gab mir eine Ohrfeige.
Dafür, dass ich ihn vor seiner Frau bloßgestellt
und die Beziehung gestört hatte.
Allerdings war das ein stetiger Konfliktherd –
meine Stiefmutter,
mein Vater und ich.
Ich habe es ihm irgendwo übelgenommen.
Und irgendwo auch nicht.
Aber es war das letzte Mal,
dass er die Hand gegen mich erhoben hat.
Zwei Jahre später war er tot.