Sehen

Erinnerungen an Weihnachten

Sandro Mohn

Weihnachten war für mich als Kind
natürlich immer eine aufregende und wichtige Zeit.

Und natürlich ging es auch um die Geschenke,
keine Frage.

Die Zeit dahin haben wir,
so wie heute auch,
mit den obligatorischen Adventskalendern verbracht.

Jeden Tag, an dem man ein Türchen aufmachte,
kam man dem wichtigen Ziel näher.

Was gibt es dieses Jahr zu Weihnachten?

Allerdings auch die große Frage:
Was schenkt man den anderen?

Vor allem, wenn man ein Kind oder Jugendlicher ist
und nicht viel Geld hat.

Das war immer eine große Herausforderung:
Was schenke ich?

Man wollte ja nicht irgendwelche sinnlosen Dinge basteln,
von denen man wusste,
dass die eh von den Eltern in die Ecke gefeuert werden.

Was ich genau geschenkt habe,
kann ich gar nicht mehr sagen.

Ich weiß, dass ich meiner Großmutter
oft Bücher geschenkt habe.
Weil sie eine sehr belesene Person war.

Am Heiligabend wurde bei uns schön zusammengesessen.
Klassische Musik gehört.
Das war sehr wichtig.

Und es gab immer einen wunderbar geschmückten Tannenbaum
mit Kerzen an den Zweigen.

Meinem Vater kam keine elektrische Beleuchtung in die Wohnung.
Das habe ich bis heute so selbst übernommen.

Dann gab es Fondue
und meine Geduld wurde strapaziert.

Und dann der Moment,
wenn man ins Wohnzimmer durfte.

Erst das Obligatorische:
Alle umarmen sich
und wünschen sich frohe Weihnachten.

Und dann schaute ich unter den Weihnachtsbaum.

Da war tatsächlich die Stelle,
wo meine Geschenke aufgestapelt waren.

Meine Großmutter schenkte mir durchaus interessante Sachen.
Bücher zum Beispiel, die ich immer gerne gelesen habe.
Oder meinen ersten Fotoapparat.
Der sich leider als Rohrkrepierer entpuppte.
Das war ein Billigteil für zwanzig Mark.
Er zerriss immer die Perforationen im Film.

Zwei oder drei Jahre später
hat sie mir dann einen erheblich teureren Fotoapparat geschenkt.
Mit dem ich durchaus ein paar Bilder gemacht habe.

Aber das Highlight eines Tages war,
als ich die erste Digitaluhr meines Lebens bekam.

Das war in den frühen 80er Jahren.
Eine Digitaluhr aus dem Westen.

Das war das Nonplusultra.

Nach Weihnachten stellten ich fest,
dass ich nicht der Einzige war,
der so etwas bekommen hatte.

Mindestens drei oder vier Jungen aus der Klasse
hatten ebenfalls eine Digitaluhr bekommen.

Und dann gab es das große Angeben:
Wer hat mehr Funktionen?
Gibt es eine Stoppuhr?
Schafft die Stoppuhr sogar Zehntel- oder Hundertstelsekunden
oder nur Sekunden?

Das war sozusagen der Schwanzvergleich auf Teenager-Art.

Und es gab natürlich viel Schokolade.

Ich kann mich erinnern,
dass ich mich einmal so übergessen habe,
dass mir schlecht wurde
und ich die ganze Küche und den Flur vollgekotzt habe,
weil ich es nicht mehr bis ins Bad zur Toilette geschafft habe.

Das andere Highlight zu Weihnachten war,
dass es interessante Fernsehfilme gab.

Zum Beispiel die Fantomas-Reihe mit Louis de Funès
oder Karl-May-Filme.

Die konnte man am ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag nachmittags sehen.

So bestand das Weihnachtsfest für mich als Kind
aus tollen Geschenken,
Schokolade fressen bis zum Umfallen
und Fernsehglotzen.

Was will man mehr?

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