Sehen

Erinnerungen an Wohnungseinrichtungen

Sandro Mohn

Zeige mir deine Wohnung
und ich sage dir,
wer du bist.

Das war die Abwandlung
eines Spruches,
den ich mir selber
irgendwann ausdachte.

Und ich verglich oft
die Wohnungen von anderen
mit der eigenen
elterlichen Wohnung.

Ich war auf die elterliche Wohnung stolz,
weil ich sie für geschmackvoll eingerichtet hielt,
auch wenn ich mit meinem eigenen Zimmer
höchst unzufrieden war.

Aber das war etwas komplett anderes.
Das hatte nichts
mit dem Geschmack als solchem zu tun.

Und ich habe von meinem Elternhaus,
auch von meiner Großmutter,
doch einen gewissen bürgerlichen Geschmack geerbt,
auf den ich, wie gesagt,
doch stolz war.

Es gab dann Wohnungen
von Bekannten meines Vaters,
die Innenarchitekten waren
und die ich auch als sehr angenehm
und geschmackvoll empfand.

Und dann geschah es aber eben auch,
dass ich in die Wohnungen
von Schulkameraden eingeladen war
und dann manchmal entsetzt war,
wie man leben konnte.

Ich kann mich noch an einen Schulfreund erinnern,
den ich mal zu Hause besucht hatte.

Und ich fand es vollkommen bedrückend,
wie er dort lebte.

In der Küche waren keine normalen Lampen,
wie wir sie kennen,
sondern es waren Neonröhren,
die in dieser Küche
ein extrem kaltes
und fast schon klinisches Licht erzeugten,
was irgendwie sehr befremdlich war.

Es erzeugte eine Enge,
eine Lichtenge,
müsste man fast schon sagen,
die sehr bedrückend war.

Ich kam mir vor wie in einem Industrieraum
und nicht wie in einer Wohnung.

Ich hatte auch irgendwie
in die Toilette geschaut
und irgendwie war da Wäsche
in irgendwelchen Eimern drin.

Das war also irgendwie
ein bisschen ärmlich,
aber nicht ärmlich im Sinne von,
dass man wenig Geld hat,
sondern eine Ärmlichkeit des Geistes irgendwie
oder des Geschmackes.

Also eine andere Form von Ärmlichkeit,
die eher abstoßend ist.

Ich kann mich auch daran erinnern,
dass seine Mutter alleinerziehend war
und sehr verhärmt.

Sie wird vielleicht Mitte, Ende 30 gewesen sein,
aber im Endeffekt
war sie schon eine alte Frau.

Ja, so ging es mir oft,
dass ich mir halt gerne
die Wohnung angeschaut habe,
ohne den Leuten zu sagen,
was ich dabei empfinde,
weil das wäre wahrscheinlich
für viele ein Schock gewesen,
wenn ich gesagt hätte,
ich finde es nicht so toll,
wie du hier wohnst.

Aber ich habe es bemerkt.

Aber es gab, wie gesagt,
auch Wohnungen,
wo ich die Leute beneidet habe,
wie sie wohnen.

Und ich habe früh gemerkt,
dass man sich irgendwie
einen Kopf machen muss.

Und ich habe mir damals auch gerne
Zeitschriften angeschaut,
wie man Wohnungen einrichtet.

Und ich habe den Tag herbeigesehnt,
an dem ich meine erste eigene Wohnung haben würde
und ich mich dann kreativ austoben kann.

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