Sehen
Erinnerungen an Wuppi
Die Offiziere bei der Armee
waren auch eine recht spezielle Art von Mensch.
Es gab Kluge, es gab Dumme.
Große,
Kleine,
Dicke und Skurrile.
Von könnte einwenden,
dass das auf Menschen prinzipiell zutrifft.
Das ist richtig, aber die Uniform wirkt wie ein Verstärker.
An einen erinnere ich mich noch besonders genau:
Wuppi.
Wuppi war der Politoffizier
in unserer Kompanie.
Wuppi wippte und sprang immer merkwürdig hin und her,
wenn er lief.
Von daher hat er dann irgendwann den Spitznamen Wuppi bekommen.
Wuppi hatte die Aufgabe,
uns ideologisch zu beeinflussen.
Ich weiß noch, er zeigte uns einen russischen Actionfilm,
der hieß „Im Alleingang"
und war quasi die russische Antwort auf Rambo.
In diesem Film verhindern eine Handvoll russischer Marinesoldaten
den Dritten Weltkrieg,
weil ein durchgeknallter amerikanischer U-Boot-Offizier
einen atomaren Krieg provozieren will.
Natürlich gelingt das den russischen Soldaten –
oder damals halt den sowjetischen Soldaten.
Er war auch handwerklich sehr gut gemacht,
also ganz amüsant.
Wir mussten uns den im Rahmen des Politunterrichts anschauen.
Wuppi nahm dann diesen Film,
um mit uns über den Kapitalismus zu diskutieren.
Worauf ich ihn dann fragte,
ob er glaube,
dass sozialistische Propaganda etwas anderes ist
als kapitalistische Propaganda.
Wenn dieser Film quasi das Spiegelbild zu Rambo ist,
dann kann man ihn schwerlich als ideologischen Beweis
für die Verkommenheit des Kapitalismus nehmen,
weil es einfach nur eine gespiegelte Aussage ist.
Was unterscheidet die rote Hetze
von der schwarzen Hetze?
Ich weiß nicht, ob es mir irgendwie geschadet hat.
Jedenfalls, das war noch relativ am Anfang meiner Armeezeit.
Wuppi war etwas konsterniert,
aber wusste dann auch nicht wirklich,
was er darauf antworten sollte.
Wuppi war ein Einzelgänger.
Ich glaube, niemand,
selbst die anderen Offiziere,
haben ihn sonderlich geachtet.
Aber das war, glaube ich,
bei jedem Politoffizier so,
dass er in der militärischen Hierarchie
nicht gerade hoch angesehen war.
Wuppi sah ich dann in den Neunzigerjahren wieder.
Er war von der Armee entlassen worden
und saß mit mir zusammen auf dem Arbeitsamt.
Ich war zu dem Zeitpunkt auch arbeitslos.
Es machte mir doch ein bisschen Genugtuung,
dass jemand,
der mich früher hätte schikanieren können,
plötzlich neben mir im Arbeitsamt sitzt
und nicht weiß,
was er machen soll.
Das war so ein bisschen Schadenfreude,
aber man verzeihe es mir.
Es war dem Umstand der Armee geschuldet,
nicht menschlich.
Menschlich war er mir egal.