Sehen

Erinnerungen ans Angeln

Sandro Mohn

Meine Großmutter hat immer alle meine Ambitionen zu irgendwelchen Hobbys unterstützt.
So war es auch beim Angeln,
als ich meine Phase hatte,
ein Angler zu werden.

Sie hatte mir eine Angel aus Bambusstöcken gekauft,
die man ineinanderstecken musste.
Es war eine sogenannte Eisangel.

Allerdings kann man auch mit einer Eisangel angeln,
wenn es nicht Winter ist.
Sie war halt ein bisschen kurz.

Aber in Berlin fängt man ja auch nicht die großen Fische.
Also völlig ausreichend.

Meine Angelkarriere bestand eigentlich nur aus zwei Tagen.

Der erste Tag war mit meiner Großmutter.
Wir gingen zur Museumsinsel in Berlin-Mitte
und hielten die Angel ins Wasser.

Ich bin der Meinung,
ein Fisch hat auch versucht anzubeißen.
Jedenfalls wurde der Köder vom Haken runtergefressen.

Ich hob die Angel wieder aus dem Wasser.
Ohne Köder,
aber auch ohne Fisch.

Trotzdem war es spannend zu sehen,
dass tatsächlich etwas passiert.

Irgendetwas hatte an der Angel gezogen
und mir den Köder geklaut.

Das zweite Mal war mit einem Schulfreund aus meiner Klasse.

Es war Sommer, ich denke,
es waren Sommerferien.

Wir hatten uns zum Angeln am Strausberger See verabredet.

Wir fuhren also erst mit der S-Bahn
und dann mit den Fahrrädern zum Strausberger See.

Er holte seine Angel raus,
eine richtig professionelle.

Ich holte meine Eisangel raus.

Ich hatte so einen Blinkerhaken
und warf die Angel aus.

Normalerweise muss dann die Spule losgehen
und die Angelschnur von der Spule abgerollt werden,
während der Haken zehn oder zwanzig Meter weiter ins Wasser fliegt.

Bei mir passierte etwas anderes.
Der Haken kam zurück.

Ich weiß nicht wieso.
Wahrscheinlich hat sich irgendetwas verhakt.

Jedenfalls spürte ich einen Schlag an meinem Bein.
Der Blinkerhaken hatte sich durch die Hose in mein Bein gebohrt.

Ich versuchte, den Haken irgendwie aus meinem Bein zu bekommen.

Was aber nicht so richtig ging,
weil so ein Haken Widerhaken hat.

Und diese Widerhaken hatten sich in meinem Bein verfangen.

Ich hätte entweder mit einem Messer den Haken rausschneiden
oder ihn aus meinem Muskelfleisch rausreißen müssen.

Dazu war ich nicht mutig genug.
Und ich denke,
es war auch sinnvoll so.

Jedenfalls sind wir dann nach Hause gehumpelt.

Ich ging in die Notaufnahme,
und dort wurde mir nach einer Weile der Haken aus dem Bein herausoperiert.

Der Arzt sagte, das sei gar nicht so einfach gewesen,
weil sich der Haken in einem Muskel verklemmt hatte.

Jedenfalls hatte ich dann von der Angelei genug.

Was aus der Angel selbst geworden ist,
kann ich gar nicht sagen.

Wahrscheinlich ist sie irgendwo in einem Keller vergammelt.

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