Sehen
Erinnerungen ans Aufwachen
Solange ich mich erinnern kann,
war Aufstehen für mich immer ein äußerst mühevoller Prozess.
Man konnte mich zu den Kindern zählen,
die unter dem Motto lebten:
abends nicht rein,
morgens nicht raus.
Meine Schwester hat einmal eine Karikatur von mir gezeichnet,
wie ich in viel zu großen Filzlatschen dastehe,
weine und keinen Bock habe,
ins Bett zu gehen.
Vor allem an die Schulzeit kann ich mich sehr gut erinnern.
Mein Vater hat mich immer damit geweckt,
dass er ins Zimmer stürmte,
die Vorhänge zur Seite riss
und dabei rief:
„Aufstehen, keine Müdigkeit vorgeschützt!"
Ein anderer Spruch war:
„Holla die Waldfee, guten Morgen, aufstehen!"
Immer in einem ganz bestimmten Tonfall,
und ich wusste,
jetzt muss ich aus dem Bett.
Mein Vater war im Gegensatz zu mir ein Frühaufsteher
und war zu diesem Zeitpunkt schon beim Bäcker gewesen.
Er schmiss mich dann zehn vor sieben aus dem Bett.
Ich schlurfte ins Bad,
um mich zu waschen – zwanzig Minuten.
Danach kehrte ich in mein Zimmer zurück,
und jetzt dauerte dieser Anziehprozess teilweise auch bis zu zwanzig Minuten.
Ich habe oft an der Gasheizung gestanden,
im Winter zum Beispiel,
vor allem wenn sie warm war.
Dann bin ich in eine merkwürdige Starre verfallen
und habe vor mich hin geträumt.
Eigentlich habe ich nichts großartig gedacht,
es war wie so eine Art somnambuler Zustand.
Bis ich dann irgendwann begriff,
dass ich mich zu Ende anziehen und frühstücken muss,
wenn ich pünktlich in der Schule sein will.
Die Schule war so nah,
dass ich noch nicht einmal über die Straße gehen musste.
Einfach nur den Bürgersteig lang,
einmal um die Ecke,
und dann war ich in der Schule.
Prompt war ich meist der Letzte
und kam so zwei Minuten bevor es klingelte an.
Bei der Armee war das Drama mit dem Aufstehen ein ganz anderes.
Dort wurde man brutal mit einer Sirene aus dem Schlaf geweckt,
und da konnte man gar nicht liegen bleiben.
Das war immer frühmorgens um sechs Uhr.
Heutzutage merke ich,
dass ich auch im Winter sehr lange schlafe,
wenn man mich schlafen lässt.
Aber die Wohnung, die ich jetzt habe, ist sehr hell,
weil sie an zwei Fronten Fenster hat.
Es ist zum ersten Mal in meinem Leben so,
dass ich im Frühjahr und im Sommer,
wenn die Sonne früh aufgeht,
frühmorgens leicht aufstehen kann.
Ich bin um sechs oder um sieben Uhr wach,
ohne in so einen merkwürdigen Trancezustand zu verfallen.
Ich kann mich tatsächlich hinsetzen und arbeiten.
Aber ich glaube, es hängt wirklich viel damit zusammen,
dass das Schlafzimmer, das ich jetzt habe,
ein lichtdurchfluteter Raum ist –
wenn in Berlin mal die Sonne scheint.
Dass ich derart von der Sonne abhängig bin,
ist etwas,
was ich früher nicht gewusst habe.