Sehen

Erinnerungen ans Einkaufen

Sandro Mohn

Es gibt eine kleine Geschichte,
die meine Großmutter gerne erzählte,
wenn wir in größerer Runde zusammensaßen,
zum Beispiel an ihrem Geburtstag.

Dann erzählte sie unter Tränen,
wie ich sie einmal ganz fürchterlich blamiert habe.

Die Geschichte trug sich zu
in einem der kleinen Lebensmittelläden
in unserer Umgebung.

Ein langgezogener Schlauch.
Einer von der Sorte,
wo man Stein und Bein schwören musste,
dass man die Flaschen,
die man als Pfand zurückgeben wollte,
auch dort gekauft hatte.

Es herrschte ein strenges Regime.

In der damaligen Zeit
war die Auswahl an Waren stark begrenzt.

Aber was in ausreichender Menge
zur Verfügung stand,
war Alkohol.

Es gab ein Regal mit den verschiedensten Spirituosen.

Unter anderem Eierlikör.

Eierlikör war etwas,
das ich als Kind manchmal
von meiner Großmutter oder meinem Vater
nach dem Essen bekam,
wenn ich ein braver Junge gewesen war.

Ich stand dort mit meiner Großmutter
und sagte laut:
„Omi, kauf uns doch die Flasche Eierlikör,
den saufen wir so gerne."

Schockstarre.

Wir standen in einer langen Schlange
vor der Kasse.

Das Regal mit dem Alkohol befand sich
in der Nähe der Kasse und des Ausgangs.

Alle haben das gehört.

Meine Großmutter, muss man dazu wissen,
war eine sehr bürgerliche Frau.

Sie war nicht in einem Haushalt aufgewachsen,
wo Alkoholtrinken an der Tagesordnung war.

Und sie selbst war auch keine Trinkerin.

Das war ihr also furchtbar peinlich.

Sie wäre am liebsten im Boden versunken.

Die Flasche hat sie natürlich nicht gekauft.

Aber es hat sie doch so amüsiert,
nach dem der erste Schock verflogen war,
dass sie es jedes Mal,
wenn die Runde zusammenkam,
unter großem Gelächter
die Episode erzählte.

Meine Großmutter war übrigens
keine unbeherrschte Frau.

Für diese Blamage habe ich keinerlei Strafe erhalten.

Sie sagte mir nur auf dem Nachhauseweg:
„Mein Gott, das war mir aber peinlich."

Und damit war die Sache vergessen.

Andere Kinder hätten einen Klaps
hinter die Ohren bekommen.

Es hätte eine große Schimpftirade gegeben.

Aber das war bei meiner Großmutter nicht so.

Sie war durchaus eine konsequente Frau,
die auch mit mir schimpfen konnte.

Aber das war kein Punkt,
für den sie mich bestraft hätte.

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