Sehen
Erinnerungen ans Eisenbahnfahren
Eisenbahnfahren war in den 70er und 80er Jahren
noch etwas vollkommen anderes als heute.
Als Kind kann ich mich noch erinnern,
dass es im Osten einen futuristisch aussehenden Schnellzug gab.
Der konnte hundertsechzig Kilometer die Stunde fahren.
Für damalige Verhältnisse eine unvorstellbare Geschwindigkeit.
Er fuhr auch von Berlin nach Leipzig
und brauchte dafür nur eine Stunde.
Innen drin sah es sehr hochherrschaftlich aus.
Gepolsterte Sitze, alles sehr edel.
Einmal bin ich mitgefahren,
jedenfalls kann ich mich daran erinnern.
Mit meiner Großmutter.
Wir haben meine Tante in Leipzig besucht.
Später stand dieser Zug nur noch auf den Schienen rum
und wurde nicht mehr eingesetzt.
Irgendwann habe ich erfahren,
dass es Enthusiasten gibt,
die wenigstens ein Exemplar dieses Zuges wiederhergerichtet haben.
Für viel Geld und Zeit und Mühe.
Aber auch ansonsten war das Eisenbahnfahren
eine viel aufregendere Angelegenheit.
Die Züge waren viel langsamer.
Sie quietschten und schnauften,
wenn sie über die Gleise ratterten.
Die Züge waren auch so gekoppelt,
dass man, wenn man von einem Waggon in den anderen ging,
die Gleise sehen konnte.
Ein bisschen jedenfalls.
Weil die Metallplattformen nur so übereinandergeschoben waren.
Bei dem Hin-und-her-Ruckeln
gab es immer einen Ausblick darauf,
was unten drunter war.
Heutzutage sind die Züge ja alle nahtlos verkoppelt.
Damals war das noch viel robuster gelöst.
Man konnte bei den Zügen die Fenster herunterschieben
und den Kopf rausstecken.
Heute unvorstellbar.
Man fuhr manchmal sogar noch mit einer Dampflokomotive.
In Kurven konnte man den Triebwagen sehen und hören,
wie er ein langes Hupsignal von sich gab.
Das Quietschen und Anfahren war viel scheußlicher,
als es heute ist.
Die Züge heute sind ja viel leiser.
Aber damals war es ein Schnaufen und Kreischen.
Man hat die Kraft gespürt,
die in diesen Maschinen steckt.
Auch wenn die heutigen viel kraftvoller sind –
das reine Bewegen der Maschinen war damals,
jedenfalls nach meinem Dafürhalten,
viel eindrucksvoller.
Und alles roch nach Nikotin.
Es wurde geraucht in den Zügen.
Manchmal ging man zum Rauchen auf den Gang.
Das war bei den Waggons mit abgeschlossenen Kabinen
für sechs Personen.
Wo man sich dann kennenlernte.
Man zog das Fenster runter
und rauchte eine Zigarette.
Und kam mit dem Nachbarn, der ebenfalls rauchte,
ins Gespräch.
Früher beim Reisen haben sich viel mehr spontane Bekanntschaften ergeben,
als es heute der Fall ist.
Heute ist alles unpersönlicher und klinischer.
Nur die Schaffner scheinen dieselben wie vor 50 Jahren geblieben zu sein.
Wenn man sie fragt,
ob der Zug pünktlich sein wird,
bekommt man nur ein Schulterzucken.